Friedrich Adolf Graf von Kalkreuth

Kalkreuth:[1] Friedrich Adolf Graf von K., aus einer alten, ursprünglich schlesischen Familie stammend, wurde am 21. Febr. 1737 zu Sotterhausen bei Sangerhausen geboren. Der Vater welcher Major im Regiment des Herzogs von Weißenfels gewesen, hatte kurz vor seinem Tode bedeutende Güter in Schlesien geerbt, er starb schon 1740. Die Mutter, Sophie, war eine geborene von Bülow. K. wurde bei den Herrnhutern erzogen. Als er 10 Jahre alt war, berief ihn Friedrich der Große, der die Herrnhuter Erziehung nicht für zweckmäßig hielt, nach Berlin und übergab ihn einem Prediger der französischen Colonie. 1752 trat er in die Garde du Corps ein, bei welchem Regiment sein älterer Bruder diente, nahm bei denselben in den beiden ersten Jahren des siebenjährigen Krieges Theil, und wurde 1758 Adjutant des Prinzen Heinrich, dessen Gunst und Freundschaft der gewandte und schöne, ganz französisch gebildete junge Mann bald zu gewinnen wußte. In dieser Stellung blieb er während der folgenden Kriegsjahre, seine Thätigkeit war, wie bei den Adjutanten des Königs, die eines heutigen Generalstabs-Offiziers. K. zeichnete sich dabei, wie durch seine Tapferkeit in Gefechten aus, und soll in der Schlacht bei Freiberg am 29. Sept. 1762 (in der er sehr leicht verwundet wurde), dem Prinzen das Leben gerettet haben. was Bülow, Bouillé und des Feldmarschalls Memoiren nicht erwähnen. Nach der Schlacht wurde er zum Major ernannt. Prinz Heinrich schickte den Brief, in welchem er dem König den Sieg bei Freiberg meldete, durch K., und sagt im Briefe nur: „mon aide de camp, qui Vous présentera ma lettre, a eté chargé d’aider à conduire l’attaque par le Spittelwald; si, en cette considération, Vous vouliez avoir la bonté de l’avancer, j’aurais de très-humbles grâces à Vous rendre“. Damals war der Prinz K. sehr geneigt, er war immer gütig bis zur Schwäche gegen seine Umgebung, und hätte gewiß Kalkreuth’s Verdienst nicht herabgesetzt, wenn es so groß gewesen, wie dieser selbst angiebt. Friedrich II. erwähnt in der Histoire de la guerre de sept ans K. mit keinem Worte. Nach dem Hubertusburger Frieden folgte K. dem Prinzen nach Rheinsberg, wo er durch seine gesellschaftlichen Talente, seinen Witz und wol auch durch seine Frivolität sich auszeichnete. Die ihn betreffenden Artikel in Wagener’s wie in Brockhaus’ Conversationslexikon sind entschieden von einer Freundes- und Verwandtenhand geschrieben, ihnen muß sowohl im Einzelnen als in der Charakteristik des ganzen Mannes entgegengetreten werden. 1766 wurde er auf Antrag des Prinzen zum Regiment Platen in Ostpreußen versetzt. K. war die Veranlassung zur Trennung des Prinzen Heinrich von dessen schöner, liebenswürdiger und achtungswerther Gemahlin, gebornen Prinzessin von Hessen gewesen, welche der Prinz selbst gewählt hatte, da der König nur seine Vermählung überhaupt gewollt, und der Prinz hatte auch Jahre lang in glücklicher Ehe gelebt. 35 Jahre blieb der Prinz dann getrennt von seiner Gattin, in Berlin in demselben Palais wohnend und hat nie wieder ein Wort mit ihr gewechselt. In seinen Paroles sagt K. über sein Verhältniß zur Prinzessin: „Les plaisans qui ont cru à la fable que j’étais l’amant de la princesse, que je l’avais pris exactement au mot; ce qui était bon pour rire.“ Bouillé, der Biograph des Prinzen, sagt über die Veranlassung der Trennung: „Ce prince, si digne d’être aimé parce qu’il savait aimer, ne tarda pas à être dupe de sa confiance.[35]Son Premier favori, le comte de K … (Preuß der diese Verhältnisse bespricht, schreibt den Namen aus), non content de chercher à altérer la gloire militaire du prince Henri, en se l’attriduant, quoique sa conduite à la guerre n’ait rien eu, ni alors, ni depuis, d’assez éclatant pour justifier une telle pretention, vint encore mettre, par ses intrigues, le trouble dans l’intérieur de sa cour; et en trompant à la fois le prince et la princessse, il forma entr’eux le nuage qui troubla pour jamais leur union. Cédant aux premières impressions, fortifiées par des apparences artificieusement, préparées, le prince Henri éloigna de lui une épouse qui méritait au moins son indulgence; et quoiqu’il se vit forcé de désavouer dans son coeur des soupçons qui ont tété démentis par toute la suite de la conduite de la princesse, à qui depuis il ne refusa pas son estime, cette séparation fut éternelle, par un effet de cette opiniâtreté qui lui était, commune avec tous les princes de sa, maison.“ K. wurde nach Königsberg versetzt und ihm verboten nach Berlin zu kommen. Nach dem Tode Friedrich des Großen erhob ihn der Nachfolger am 15. Oct. 1786 in den Grafenstand, zog ihn in seine Nähe und zeichnete ihn, wol zum Theil aus Opposition gegen den großen König, vielfach aus. Kalkreuth’s Leistungen im baierischen Erbfolgekriege werden nirgends erwähnt. In dem Feldznge gegen Holland 1787 führte er als Generalmajor eine selbständige Abtheilung, eroberte die kleine Festung Nieuverfluys, die schwach vertheidigt wurde, mit allerdings geringer Truppenzahl. Seine Frische, Thätigkeit und Kühnheit in diesem Feldzuge wird allgemein gerühmt. Am Ende der Campagne wurde er Generallieutenant. Durchaus französisch gesinnt, ein Kind der encyclopädischen Richtung des 18. Jahrhunderts, tadelte er die Coalition mit Oesterreich, den Versuch einer monarchischen Restauration in Frankreich und den Krieg von 1792–1795 aufs bitterste; in den Kriegsjahren verfolgte er die Operationen der österreichischen wie der preußischen Feldherren mit oft witziger immer rein negativer Kritik. Beim Einmarsch in die Champagne (1792) führte er einen Theil der Hauptarmee, erreichte glücklich bei Stenay die Verbindung mit Clairfait, leitete die Waffenstillstands-Verhandlungen mit Kellermann bei Azenne und verschaffte dadurch der Arrieregarde und dem Train Gelegenheit zu einem unbelästigten Rückzug. In seinen Souvenirs sagt K. nicht eben bescheiden: „Tous les pêchés de ma vie, s’ils étaient grands, sont effacés par la belle action d’avoir sauvé de la destruction totale, cette belle armée uniquement par l’enchantement de mes paroles. Jamais Prussiens n’ont tant soufferts, nous ne marchions pas avec des soldats, mais avec des mourants.“ Dies bezieht sich wahrscheinlich auf die Verhandlungen über die Räumung von Verdun seitens der Preußen. Die „Geschichte der Kriege in Europa seit 1792“ sagt darüber: „Es gelang der Gewandtheit des Grafen K. die an sich nothwendige Räumung von Verdun so geltend zu machen, daß Dillon sich dagegen verpflichtete, die Preußische Armee auf dem Marsche nach Longwy nicht zu beunruhigen.“ Im März 1793 übertrug ihm der König die Belagerung von Mainz, das am 22. Juli capitulirte. K. erhielt den schwarzen Adlerorden und das Commando eines Corps in der Pfalz. In den Gefechten bei Neukirch am 13. August, bei Rohrhach am 17. August und vereinigt mit Knobelsdorf, bei Hornbach war er siegreich und warf am 29. Septbr. die Franzosen über die Saar. Die Erstürmung der Lauterlinie mißglückte, da Wurmser, auf dessen Mitwirkung gerechnet war, ausblieb; der Versuch Kalkreuth’s Bitsch zu nehmen, mußte aufgegeben werden, ebenso die Belagerung von Landau. 1794 soll K. zu Möllendorf’s Sieg bei Kaiserslautern beigetragen haben, siegte am 28. mit Blücher bei Kirrweiler, nahm Zweibrücken und drang bis Saarlouis. Den Vorwurf der Oesterreicher, den Verlust von Trier dadurch verursacht zu haben, daß er sie [36] nicht rechtzeitig unterstützt habe, wies er öffentlich zurück, die österreichische Besatzung hatte Trier voreilig verlassen. Mit Hohenlohe siegte er am 20. Septbr. bei Kaiserslautern. Der Abschluß des Friedens zu Basel entsprach seiner politischen Gesinnung durchaus, er war allerdings, wie spätere Forschungen nachgewiesen, bei der damaligen Politik Oesterreichs für Preußen eine Nothwendigkeit. K. wurde 1795 commandirender General in Pommern, 1796 General der Cavallerie, später Inspecteur derselben und 1806 im Frühjahr Gouverneur von Danzig und Thorn. Im Sommer 1806 erhielt K. den Oberbefehl über das, für den Fall eines Krieges mit Schweden (der erklärt aber nicht ausgeführt wurde) in Vorpommern und der Uckermark zusammengezogene Corps. Bei Ausbruch des Krieges gegen Frankreich 1806 erhielt er kein selbständiges Commando, nur die 2. Reservedivision der Hauptarmee, und fand sich gegen die jüngeren Generale Hohenlohe und Rüchel zurückgesetzt. Höpfner in seiner Geschichte des unglücklichen Feldzugs sagt: „Bei dem Charakter des Grafen K. wurde dadurch ein tiefer Ingrimm in ihm hervorgerufen, der erst gestillt wurde, als alle die, welche wissentlich oder unwissentlich zu dieser Verletzung beigetragen, einem schweren Geschick erlegen waren. Nur so erklärt sich einigermaßen das Verhalten des Generals im nachfolgenden Kriege, wenn gleich damit keine Rechtfertigung ausgesprochen sein soll.“ K. kritisirte alle getroffenen Maßregeln mit Schärfe und Gereiztheit, verbreitete das Gerücht der Unsicherheit und des Mißtrauens schon vor der Niederlage in der Armee. Obwol der Herzog von Braunschweig und Möllendorf schwer verwundet waren, obwol ihm der König, bei der ungünstigen Wendung der Schlacht den Befehl zuschickte, „die Armee zurückzuführen“, betrachtete er sich nur als Führer der Reservedivisionen und soll schadenfroh der wachsenden Verwirrung zugesehen haben. Clausewitz sagt in seinem Manuscript von 1806: „Die preußische Reserve unter K. war nur ¼ Meile vom Schlachtfelde. Die Lage Davoust’s war also höchst gefährlich, bis jetzt hatten drei preußische Divisionen gegen 2 französische gefochten, von beiden Seiten je 27000 Mann, und die Franzosen hatten nach und nach ein Uebergewicht gewonnen. Hätte um diese Zeit – etwa 10 Uhr Morgens, K. Befehl bekommen, sich auf den rechten Flügel zu werfen, so hätte es mit einem Wunder zugehen müssen, wenn Davoust nicht aufgerollt und um den größten Theil seines Corps gekommen wäre, ehe er die Brücke bei Kösen erreichen konnte. Aber kam Bernadotte nicht im Rücken der Preußen an, so kam auch K. nicht im Rücken der Franzosen an. Er marschirte von seinem Bivouac bei Ranstädt so spät ab, daß als er bei Auerstädt ankam, die 3 preußischen Divisionen schon in so aufgelöstem Zustande waren, daß der König nicht mehr glaubte, mit der Reserve die Schlacht herstellen zu können.“ K. blieb also im Bivouac stehen, während ¼ Meile von ihm 3 preußische Divisionen von 3 feindlichen zurückgedrängt wurden, und traf als er Befehl erhalten, zu spät ein. Statt selbständig einzugreifen, zog er mit seinen Truppen in guter Ordnung vom Schlachtfelde ab, hatte aber bald darauf –, als Soult’s Cavallerie unter Klein sich zeigte, und er die Nachricht von der Capitulation von Erfurt erhielt, bei der Ermüdung seiner Truppen geglaubt, ebenfalls capituliren zu müssen. obgleich seine Cavallerie der Klein’s überlegen war. Nur der lebhafte Widerspruch Blüchers und des Prinzen August vermochte ihn, seinen Rückzug fortzusetzen, er ging über Nordhausen durch den Harz nach Magdeburg. Um einen Conflict mit Hohenlohe zu vermeiden, dem das Commando aller bei Magdeburg zu sammelnden Truppen übergeben war, schickte ihn der König Ende October nach der Provinz Preußen, wo er den Befehl über ein dort stehendes Corps von 20 000 Mann übernahm. Später errichtete er ein kleines Freicorps. Als die Franzosen sich Danzig näherten, ging er dorthin, um als Gouverneur die Vertheidigung vorzubereiten und zu leiten. Den Geist der [37] Truppen, wie den der Bürgerschaft, bei welcher er beliebt war, wußte er zu beleben, betrieb die Instandsetzung und Armirung der Werke energisch und sachgemäß und vertheidigte Danzig gegen große Ueberlegenheit mit unzureichenden Kräften 76 Tage lang, darunter 55 Tage gegen offene Laufgräben. Der Capitulation am 26. Mai wurden dieselben Bedingungen zu Grunde gelegt, die er früher der Festung Mainz bewilligt hatte; die Franzosen hatten das höchste Interesse bald in den Besitz der Festung Danzig zu kommen und über die Belagerungsarmee anderweitig disponiren zu können. K. capitulirte, weil es ihm an Pulver zu fehlen drohte, und die kleine Garnison der großen Festung der Erschöpfung nahe war. Wenn er auch Danzig vielleicht noch 5–6 Tage hätte halten können, so war doch die Vertheidigung eine ruhmvolle, der König ernannte ihn zum Generalfeldmarschall, Kaiser Alexander verlieh ihm den Andreasorden. Nach der Schlacht bei Friedland wurde K. beauftragt den Waffenstillstand (25. Juni) abzuschließen, er unterschrieb den ihm von Berthier vorgelegten Tractat trotz seiner harten Bedingungen, obwol die Lage der Armee noch keineswegs so ungünstig war. Bei den Verhandlungen über den Frieden zu Tilsit ließ er sich von Berthier dupiren, den ihm beigegebenen Grafen Goltz wußte er in den Hintergrund zu drängen, dem Könige empfahl er „Vertrauen, nur Vertrauen gegen Napoleon, damit werde man am weitesten kommen.“ Berthier hatte ihm geschrieben: „Sa Majesté s’est d’abord refusé à aucune modification (der Friedensbedingungen), mais en se rappelant que je traitais avec Votre Excellence, elle m’a dit, qu’elle voulait lui donner témoignage de son estime particulier et de son haute considération … – Da war der eitle Mann verloren und willigte in Alles ein. Die von ihm am 12. Juli abgeschlossene Convention über die Ausführung des Friedens ist noch ungünstiger als der Friede selbst, sie hob einzelne Bestimmungen desselben geradezu auf, und Hardenberg sagt in seinen von Ranke herausgegebenen Denkwürdigkeiten: „Durch sie wurde all’ das Unglück begründet, das nach dem Frieden Preußen so lange bedrückte, wodurch Napoleon seinen Zweck erreichte, den Staat noch lange mit seinem Heere besetzt zu halten, seine Pläne in Spanien auszuführen, seine Truppen auf fremde Kosten zu unterhalten, und ungeheure Geldsummen mitten im Frieden zu erpressen.“ Hardenberg theilt einen für die gereizte Stimmung jener Tage charakteristischen Brief eines hochstehenden Mannes mit, der ihm schreibt: „Qu’est-ce-que la perte de tant de provinces en comparaison des maux incalculables, que va faire peser sur nous la convention signée depuis par le comte de Kalkreuth. Il n’y a pas de milieu, c’est l’extrême folie ou une scéleratesse insigne qui a guidé le maréchal, et, il ne peut avoir le choix que des petites maisons ou du gibet.“ Wenn auch dies Urtheil zu hart ist, so trifft K., der die Convention ohne Goltz abschloß, die Schuld des Leichtsinnes und der Eitelkeit. Die Artikel der Convention sind höchst unbestimmt, ließen der Willkür freiesten Spielraum und erwähnten nicht einmal den so wichtigen Gegenstand der Contributionen. K. wurde nach dem Frieden zum Gouverneur von Königsberg ernannt, erhielt 1809 das Gouvernement in Berlin, wurde 1810 zur Vermählung Napoleons, als ihm persona grata nach Paris gesandt und dort mit Auszeichnung behandelt. Er gehörte bis zu dem Freiheitskriege zu der Partei, die eine Wiedergeburt des Staates und eine Befreiung von Napoleons Druck für unmöglich hielt, ein latenter Gegner von Stein, Hardenberg, Gneisenau ist er immer geblieben, er sagte im Frühjahr 1813 von sich: „Je n’étais pas du parti français; je ne suis aujourd’hui pas du parti russe; je suis du pauvre parti prussien, et j’ai malheureusement peu de collégues.“ 1812 wurde er Gouverneur von Breslau, leitete hochbejahrt 1813 die Neuorganisation in Schlesien und kehrte nach dem Pariser Frieden als Gouverneur nach Berlin zurück, wo er am 10. Juni 1818 nach 67jähriger Dienstzeit [38] starb. Von den hinterlassenen Memoiren des Verfassers hat der Sohn, Graf Friedrich von K., einen Theil in Bran’s Minerva, Jahrgang 1839. 40 unter dem Titel „Erinnerungen des General-Feldmarschalls von Kalkreuth aus dem französischen Manuscripte seiner Dictées“ veröffentlicht, die aber hier nur bis zur Schlacht bei Hochkirch reichen. Die bedeutende Wirksamkeit des Feldmarschalls in den Rheinfeldzügen, 1806 und 1807 berühren diese Veröffentlichungen nicht. Der Herausgeber hat einige Aufsätze „Zur geschichtlichen Critik“ vorausgeschickt, die eine Vertheidigung seines Vaters gegen die Darstellung in Gentz „Beitrag zur geheimen Geschichte des Jahres 1806“ und die „Denkwürdigkeiten des Grafen Haugwitz“ betreffen. In den Dictées spricht sich der Witz, die geistige Schärfe des Feldmarschalls aus, aber auch tiefe Verbitterung und Ungerechtigkeit gegen Friedrich den Großen. Als historische Quelle, namentlich zur Beurtheilung des großen Königs und seiner Feldherrn sind diese Dictées nur mit Vorsicht zu verwenden, im Wesentlichen sind es des causeries d’un vieillard voll piquanter meist aus anderen Quellen bekannter Anecdoten, oft brechen die Gereiztheit und das verletzte Selbstgefühl des Mannes durch, der lebenslang und nach seinem Tode überschätzt worden ist. Seine Beurtheilung des Königs, besonders des ihm verhaßten Winterfeld, Moritz von Dessau wie der Veranlassung des siebenjährigen Krieges gleicht der von Gaudy, Retzow, Behrenhorst, Henckel und Schmettau – alle dem Kreise des Prinzen Heinrich, dessen Adjutanten sie meist gewesen, angehörig – erst seit den letzten Jahrzehnten beginnt – namentlich seit Carlyle – eine unbefangene, parteilose Beurtheilung nicht nur des großen Fürsten und Feldherrn, auch des Menschen sich Bahn zu brechen. Ueber Prinz Heinrich selbst urtheilt K. freilich ungünstiger als die andern Schriftsteller aus dessen Kreise, weil er ihm Schuld an seiner angeblichen Zurücksetzung seit seiner Entfernung von Rheinsberg (1766) bis zum Regierungssantritt Friedrich Wilhelms II. giebt. In einem Briefe an H. von Bülow, 1806 (der freilich nicht abgesandt worden), schreibt er sich den Sieg bei Freiberg zu, theilt einen Brief des Prinzen Heinrich (wohl apokryph) an Friedrich II. mit, in dem es heißt: „Je dois les succès de cette journée au capitaine de Kalkreuth“, und wendet auf sich das Wort an: „Plus fatiqué qu’avide d’honneurs“, was bei dem ehrgeizigen Charakter des Mannes fast komisch wirkt. Der Sohn des Grafen theilt in Bran’s Minerva folgende charakteristische Stelle eines Briefes desselben mit. „Bei der Abgeschmacktheit der Welt die nur Flittergold schätzt, war es von jeher mein Vorsatz nach meinem Tode vergessen zu sein. Vielleicht ist es Stolz, nicht im Gedächtniß so alberner Menschen leben zu wollen. Die künftigen Geschichtschreiber werden Lüge und läppisches Zeug schreiben, wie meist alle bisherigen gethan, und die Nachwelt, wenn sie im Sinken fortfährt, verdient nichts Besseres. Was die dumme Nachwelt von mir denken wird, ist mir so lang als breit. Ich belächle das Urtheil der Zeitgenossen, und sollte mich um die Zukunft kümmern!“ Die „Paroles“ von K. sind gedruckt, aber nicht im Buchhandel erschienen. K. war in erster Ehe mit Charlotte Freiin von Morrien, aus einer jetzt ausgestorbenen westphälischen Familie vermählt, sie war Hofdame der Prinzessin Heinrich von Preußen gewesen; die zweite Gemahlin war Charlotte Henriette Freiin von Rohd, Tochter des Ministers und Oberburggrafen von Ostpreußen, von Rohd, der in der Provinz reich begütert war. Von der männlichen Descendenz aus der ersten Ehe des Feldmarschalls lebt nur der frühere Diretor der Malerakademie in Weimar, Graf Stanislaus.

 

Kaltenborn, Karl Baron Kaltenborn von Stauchau

Kaltenborn:Karl Baron K. von Stachau, verdienter Rechtsgelehrter, geb. zu Halle am 21. Juni 1817, † am 19. April 1866 zu Kassel. Die Familie der K. gehört wahrscheinlich dem alten schlesischen Adel an (Gothaischer Taschen-Kalender der Freiherrl. Häuser, Jahrg. 1857, S. 361). Sein Vater Joh. Karl war preußischer Hauptmann a. D. († am 14. Febr. 1857), der als vielgewanderter Mann die Muße der späteren Jahre zur Abfassung von Memoiren benutzte, die der Sohn zu veröffentlichen beabsichtigte, da sie interessantes Material für die Geschichte einiger Höfe in Deutschland enthalten. Auf den trefflichen Schulen der Francke’schen Stiftungen erhielt K. eine gelehrte Vorbildung, widmete sich auf der Universität der Vaterstadt juristischen, staatswissenschaftlichen, historischen, philologischen und philosophischen Studien, wurde 1846 Privatdocent daselbst, nachdem er zu seiner Habilitation die Dissertation „De regalium generalium natura ac divisione“, Hal. 1845 herausgegeben hatte. Sehr schnell errang K. durch zwei größere Schriften den Ruf eines der gelehrtesten Kenner des Völkerrechts. In der ersten derselben – „Kritik des Völkerrechts nach dem jetzigen Standpunkte der Wissenschaft“, Leipzig 1847 – beabsichtigte er, Gagern’s Kritik des Völkerrechts weiter auszuführen. Doch hat er mehr geleistet. Mit der deutschen Philosophie sehr vertraut, war er voll größten Eifers für die Wissenschaft bestrebt, eine Revision der hauptsächlichsten Grundbegriffe unter Kritisirung der gerade in jener Zeit erschienenen, epochemachenden Arbeiten von Heffter, Oppenheim, Pütter u. A. zu geben. Dies führte ihn zur Erörterung der Litteratur früherer Zeiten. Freilich zeigt die Arbeit, daß er seinen Zweck nicht völlig erreichte. Denn die Verbindung der Litteraturkritik mit der Materialkritik schränkte ihn auf einzelne hervorragende Systeme ein und ließ einer eingehenden Kritik nicht den genügenden Raum. Sein als vollständig ausgearbeitet bezeichnetes System hat er uns leider später nicht gegeben. Jedenfalls hat aber das Werk in vielen Punkten bleibenden Werth. Schon im nächsten Jahre folgte die zweite verdienstliche literarhistorische Arbeit, welche die Leistungen einiger vergessener Schriftsteller eingehend besprach und die auf den Bibliotheken selten gewordenen, oft ganz fehlenden Drucke derselben zu ersetzen bestimmt war. Die Schrift ist betitelt „Zur Geschichte des Natur- und Völkerrechts, sowie der Politik“, Leipzig 1848, führt auch den Specialtitel „Die Vorläufer des Hugo Grotius auf dem Gebiete des Jus naturae et gentium sowie der Politik im Reformationszeitalter“. Nebenbei schrieb K. gediegene Recensionen über staats- und völkerrechtliche Arbeiten in verschiedene Zeitschriften (Jenaer Literaturzeitung, Berliner Jahrbücher für wissenschaftliche Kritik), gab eine auf das [44] praktisch-politische Gebiet hinüberspielende Schrift „Staat, Gemeinde, Kirche, Schule, insbesondere Universitäten und ihre Reform“, Halle 1848 heraus und entfaltete als akademischer Lehrer eine erfolgreiche Wirksamkeit. Mit umfassenden Studien über das internationale Seerecht beschäftigt, veröffentlichte K. zwei Abhandlungen über Geschichte, Praxis und Reform der Kaperei im Seekriege (zuerst in Bülau’s Neuen Jahrbüchern der Geschichte und Politik, 1849, II., dann auch separat, Halle 1849). Ein interessanter völkerrechtlicher Fall gab ihm Anlaß zu Besprechung der Pflichten Neutraler gegenüber fremden, in territoriale Gewässer sich zurückziehenden fremden Kriegsschiffen. Es war dies die kleine Arbeit „Kriegsschiffe auf neutralem Gebiet“, Hamb. 1850. Die hierin enthaltene Kritik des Verhaltens Lübecks gegenüber dem Dampsschiff v. d. Tann rief eine Schutzschrift von K. von Duhn hervor (zuerst in Gersdorf’s Repertorium 1850. III. 298–312, dann separat, Leipzig 1850). Allgemeinen Beifall fand sein großes Werk „Grundsätze des praktischen europäischen Seerechts, besonders im Privatverkehr, mit Rücksicht auf alle wichtigeren Partikularrechte“, 2 Bde., Berlin 1851, worin das gesammte Völkerrecht, soweit es den Seehandel ordnet, mit größter Sachkenntniß und fleißigster Benutzung der Litteratur wissenschaftlich erörtert wird. Die Materialien dazu hatte er während eines siebenmonatlichen Aufenthaltes in Hamburg, wo er auch den Sitzungen des Handelgerichts beiwohnte, gesammelt. Die sehr bald erforderlich gewordene zweite Auflage hat er leider nicht besorgen können. Im J. 1852 folgte K. einem Rufe als außerordentlicher Professor für deutsches und öffentliches Recht an die Universität Königsberg, wo er 1861 zum ordentlichen Professor befördert wurde und die Schrift „De cambiis statuta Hamburgensia Ann. 1603 et 1605 in Germania prima legislationis cambialis vestigia“ 1862 erscheinen ließ. Am 11. April 1854 verheirathete er sich mit Hermine geb. Gronau, einer Enkelin des bekannten Staatsmannes v. Dohm. Er fand in ihr eine treffliche Gattin und für die aus der glücklichen Ehe hervorgehenden Kinder eine zärtliche Mutter. Ein Zeugniß seines lebendigen Interesses an der Politik liefert das größere Werk „Geschichte der deutschen Bundesverhältnisse und Einheitsbestrebungen von 1806 bis 1857 unter Berücksichtigung der Entwickelung der Landesverfassungen“, 2 Bde., Berlin 1857. In dieser Arbeit, für welche ihm, was sehr zu bedauern, keine geheimen Quellen offen standen, war sein Hauptziel „die Weiterbildung des Bundeslebens im nationalen Sinne, zur Befriedigung der Interessen und Bedürfnisse der gesammten Nation, nicht blos der Fürsten und Staaten aufzuweisen.“ Er wollte die vulgäre, ziemlich verbreitete politische Phantasterei wie Apathie überwinden und einen gesunden, nüchtern praktischen Sinn für politische Verhältnisse, wie er in England zu Haus, auch bei uns einbürgern helfen. Darauf zielte das Motto: „Mein deutsches Volk, im idealen Streben, verläugne nicht die Wirklichkeit, das Leben!“ Seine Ansichten und Vorschläge über Zusammenschließung der deutschen Staaten in gewisse Staatencomplexe, nach einigen socialpolitischen Andeutungen Riehl’s, haben durch den bedeutend abweichenden geschichtlichen Verlauf der Dinge an Interesse verloren und zeigt sich in dem Werk ein eigenthümliches Schwanken zwischen absprechenden Verdammungsurtheilen über abstrakte Einigungspläne und andererseits einer fast begeisterten Anerkennung des Wirkens des Frankfurter Parlaments. Theoretisch den Ideen des Liberalismus nicht fernstehend, neigte er sich allmählich immer mehr auf die conservative Seite, wobei er vor Allem reges Gerechtigkeitsgefühl und energische Wahrheitsliebe hochachtete. Diese conservativen Anschauungen treten namentlich auch hervor in seiner „Einleitung in das constitutionelle Verfassungsrecht“, Leipzig 1863 und in der auf die kurhessischen Zustände bezüglichen letzten Schrift „Die Volksvertretung und die Besetzung der Gerichte, besonders des Staatsgerichtshofes“, [45] Leipzig 1864. Werthvoll waren auch seine Arbeiten für das Bluntschli’sche Staatswörterbuch und Schletter’s Jahrbücher. Klimatische Verhältnisse veranlaßten ihn, 1864 einen Ruf nach Kassel als Referent im Ministerium des Aeußeren mit dem Titel als Legationsrath unter Vorbehalt einer Professur in Marburg anzunehmen. 1863 durch Verleihung des Ritterkreuzes des kurhessischen Wilhelmsordens, fast gleichzeitig auch des preußischen rothen Adlerordens vierter Klasse ausgezeichnet, erlag K., im rüstigsten Mannesalter, einer Unterleibsentzündung. Seine vielen Tugenden und hohen Verdienste hob in einem schönen Nachrufe Th. Muther hervor (Beilage zu 109 der Neuen Preußischen [Kreuz-]Zeitung v. J. 1866).

 

Kanngießer, Peter Friedrich

Kanngießer:Peter Friedrich K., als Historiker und Dichter thätig, war geboren am 3. Mai 1774 in Glindenberg bei Magdeburg, besuchte von 1793–95 die Schulen zu Burg und Altenburg und studirte von 1795–99 in Halle, wo er auch am Waisenhause unterrichtete. Seit November 1799 als Lehrer bei der Schule in Bunzlau und seit 1805 als Professor am Magdalenum in Breslau für klassische Litteratur, sowie seit 1810 an der dortigen Kriegsschule [80] angestellt, habilitirte er sich 1814 als Docent an der Breslauer Universität und ward 1817 als Professor der Geschichte nach Greifswald berufen, wo er am 7. April 1833 verstarb. Während seines Aufenthaltes in Schlesien war er zuerst im Gebiete der epischen und lyrischen Poesie thätig und veröffentlichte in dieser Richtung unter Anderem seine Dichtung „Tataris, oder das befreiete Schlesien, in 18 Gesängen“, 1811, sowie zwei Bücher Oden, 1814. Auch war er bemüht, durch zahlreiche Beiträge für Zeitschriften und als Herausgeber periodischer Blätter, unter Anderem des Breslauer Tagebuchs, 1809, seine vielseitigen Kenntnisse in populärer Weise zu verbreiten. Seitdem er jedoch an der Universität lehrte, richtete er seine Aufmerksamkeit mehr auf das philologische Studium und ließ einen „Grundriß der Alterthumswissenschaft“, 1815, und eine litteraturgeschichtliche Abhandlung „Die komische Bühne von Athen“, 1817, sowie viele Beiträge zur Encyklopädie von Ersch und Gruber erscheinen. Nach seiner Uebersiedelung an die Universität Greifswald endlich wendete er seine Forschungen mit großem Eifer auf die pommersche Spezialgeschichte und Alterthumskunde. Außer einer Biographie des Dichters Kosegarten, 1819, und seinen „Mittheilungen aus Greifswald und Pommern“, 1821, welche die Wirksamkeit der Gesellschaft für pommersche Geschichte vorbereiten, begann er ein ausführliches Werk über pommersche Geschichte, von welchem jedoch nur der erste Theil, der die „Bekehrung Pommerns zum Christenthum bis zum Jahre 1129“ behandelt, 1824 erschienen ist. Die gründliche Forschung und edle Sprache, die uns aus dieser Arbeit entgegen leuchtet, läßt uns um so mehr bedauern, daß die Fortsetzung dieses großartigen Werkes durch seinen Tod (1833) unterbrochen wurde. Seine werthvollen Sammlungen gelangten an die Universität und bildeten den Anfang der noch jetzt bestehenden Sammlung vaterländischer Alterthümer.

Christoph Katsch

Katsch:Christoph v. K., geb. am 15. Sept. 1665 in Halle(entsprechend den Angaben der Neuen Deutschen Biographie), † am 29. Juli 1729, stammte gleich mehreren andern der vornehmsten Minister Friedrich Wilhelms I. von Preußen aus dem Magdeburgischen. Nach Absolvirung des Rechtsstudiums scheint er zuerst an einem Collegium seiner Heimath thätig gewesen zu sein. Dort muß er frühzeitig die Aufmerksamkeit der Leiter des Justizwesens auf sich gezogen haben. Bereits im Alter von 37 Jahren, am 10. März 1703, wurde er zum ordentlichen Mitgliede des Hof- und Kammergerichts zu Berlin, des obersten Landesgerichts der Marken berufen. Dieser Berufung folgte drei Jahre später, 1706, über die Köpfe mancher Aeltern hinweg die in den Geh. Justizrath, der Justizabtheilung des Geh. Staatsraths zur Entscheidung angefochtener Erkenntnisse der Gerichts- und Verwaltungsbehörden in letzter Instanz, wie von Suppliken und Beschwerden. K. verharrte officiell in dieser doppelten Stellung bis zu seiner zwölf Jahre später erfolgenden Ernennung zum Minister. Doch nahm ihn seine Thätigkeit in Militär-, Commissariats-, Justiz- und Gesetzgebungsfragen bald derart in Anspruch, daß er den Gerichtssitzungen nur noch gelegentlich beiwohnen konnte. Er war nämlich um diese Zeit zum Oberauditeur in den Marken gemacht worden,und hatte in diesem Amt, das er mit der ihm eigenen Unermüdlichkeit und Unerbittlichkeit wahrnahm, die Aufmerksamkeit des Kronprinzen Friedrich Wilhelm dermaßen auf sich gezogen, daß dieser ihn seitdem nicht mehr aus den Augen ließ, um ihm später einen der hervorragendsten Plätze einzuräumen. Dieser Empfehlung dürfte auch seine 1712 erfolgende Berufung zum Geheimen Kriegsrath und Decernenten für Justizsachen im General-Kriegscommissariat zuzuschreiben sein. Diese letztere Behörde war eben damals durch Fr. Wilhelm v. Grumbkow unter der Begünstigung des Kronprinzen reorganisirt worden. Da ein großer Theil der Justizsachen, alles was sich auf indirekte Abgaben, Kämmereiwesen der Städte, Innungs- und Privilegienstreitigkeiten etc. bezog, durch die Ordnungen von 1712 und 1715 der Cognition des General-Kriegs-Commissariats zugewiesen wurde, so ward hier die Thätigkeit des Decernenten zu einer höchst ausgedehnten. Die berührten beiden Ordnungen, die die Kompetenzgrenzen in den genannten Dingen zwischen Regierungen (Obergerichten) und Commissariaten regelten, dürften in ihrer Hauptsache auf K. zurückzuführen [454] sein, der seit dem Regierungsantritt Friedrich Wilbelms I. auch eine bedeutende gesetzgeberische Thätigkeit zu entwickeln begann. Die Zeit drängte immer mehr auf die Sonderung von Justiz und Verwaltung, die Aufstellung fester Normen für die Rechtsprechung der Verwaltungsbehörden. Dazu bedurfte es eines Mannes, der von klarer Einsicht in die gegebenen Verhältnisse und gesetzgeberischer Initiative, die Macht erhielt zu selbständigen Reformen, ohne von den laufenden Geschäften erdrückt zu werden. Eine solche Stellung wünschte Friedrich Wilhelm seinem auf allen Gebieten der Rechtspflege bereits erprobten Rathe zu geben, als er ihn unterm 8. Juni 1718 zum Wirklichen Geheimen Etats- und Kriegsrath und zugleich zum Generalauditeur der Armee machte. Er hob ihn damit über die Masse des Beamtenthums hinaus auf eine der Stellen ersten Ranges. Die Bestellung zum Generalauditeur sowie der Wortlaut seines Bestallungspatents bekunden übrigens, daß der König sich noch nicht entschließen konnte eine Stelle zu schaffen, die nur mit der obersten Leitung der Justiz zu thun, um das Detail der Rechtspflege selbst sich nicht zu kümmern hatte. Im Gegentheil war auch die praktische Thätigkeit Katsch’s in der folgenden Zeit eine sehr beträchtliche. Neben der Respicirung der Militärjustiz in der obersten Instanz, hatte er die Leitung der Criminaljustiz der Residenz wie der Kurmark im Allgemeinen, wofür an Stelle der bisherigen Hausvoigtei im J. 1720 ein Kriegs-, Hof- und Criminalgericht zu Berlin begründet wurde. Dazu kam seine Thätigkeit als Decernent für die Justizsachen des General-Kriegscommissariats, das sich wenige Jahre darauf (Dec. 1722) zum Generaldirektorium erweiterte und K. somit die letzte Entscheidung über alle das Polizei- und Verwaltungswesen betreffenden Rechtssachen überließ. Endlich erschien er fast ohne Unterbrechung in den Sitzungen des Geh. Staatsraths und referirte dort über alle einschlägigen Sachen seiner diversen Ressorts. Auch der Bericht über die hier darüber gefaßten Beschlüsse an den König und die Ausführung von dessen Entscheidungen waren seine Sache. Seine seltene Arbeitskraft und Energie ermöglichten ihm dabei die ganze Gesetzgebungsarbeit aus der ersten Hälfte von Friedrich Wilhelms Regierung entweder selbst zu leiten oder mindestens zu überwachen. Diese reiche Thätigkeit lohnte der König durch seine Erhebung zum dirigirenden Minister und Vicepräsidenten des fünften (Justiz-)Departements beim General-Directorium gelegentlich der Begründung desselben im Januar 1723. K. wurde durch sein Patent dahin gewiesen, in allen Dingen seines Ressorts, d. h. allen Rechtsfällen der andern vier Departements des Directoriums, die oberste Leitung zu führen und für eine prompte und gerechte Justiz zu sorgen. Gleichzeitig wurde ihm sowol die Redaction aller aus dem General-Directorium emanirenden Edicte, Verordnungen und Verfügungen aufgetragen, als auch die Beseitigung alles dessen, was aus früheren übrig geblieben, dem jetzigen Zustande widersprach. Seine bisherige Thätigkeit wurde somit erweitert und fester normirt. Neu dagegen war die Stellung, die der König ihm den andern vier Ministern des General-Directoriums gegenüber in einer Geheimen Instruktion anwies. Danach sollte er auch die Thätigkeit dieser obersten Beamten der Krone überwachen. Ueber jede Unregelmäßigkeit, Nachlässigkeit, Parteilichkeit oder Intrigue sollte er dem Könige im Geheimen berichten, ohne Furcht und ohne Scheu, wogegen der König ihn seines Schutzes und seiner Gnade gegen Jedermann versicherte. Ob und in wie weit K. von dieser Befugniß Gebrauch gemacht hat, erhellt aus den Acten jener Zeit nicht. Es war dies die letzte Consequenz, die der König in seinem System zog, alles, Personen wie Zustände, der schärfsten fiskalischen Kontrole zu unterwerfen. Und er wußte, wem er diese Aufgabe zuwies. Nebenbei leitete K. in seiner Eigenschaft als Generalauditeur die namhaftesten Militärprocesse, was natürlich nicht zur Verbesserung seiner persönlichen Stellung beitrug. Er war, [455] wie sich aus der Tradition seiner Zeit und der nächstfolgenden Generation ergibt, einer der bestgehaßten Männer seiner Epoche – ein Zeichen, daß er seiner eben so schwierigen wie undankbaren Aufgabe so gut als es anging gerecht wurde. Auch bei andern gesetzgeberischen Maßregeln von nachhaltigstem Einfluß war K. betheiligt. So soll er als der Erste auf den Vortheil der Allodification der Ritterlehen hingewiesen und diese Maßregel mit vorbereitet haben. Vier Jahre zuvor, 1713, war ihm vom Könige die Revision des Bartholdi-Sturmschen Entwurfs zur Reform des Justizwesens übertragen worden. Als Sam. v. Cocceji mit dem Entwurf zur Reform des Processes in der Kurmark betraut worden war, erhielt K. gemeinsam mit dem Minister Johann Heinrich v. Fuchs 1725 auch hier die Revision. Daraus erhellt gleichzeitig, daß seine praktische Thätigkeit zu groß war, als daß ihm die großen Gesetzreformen selbst hätten aufgetragen werden können. Als erster preußischer Justizminister, als ein Mann, der im Dienste seines Königs in einer schweren und rauhen Zeit unermüdlich und ohne Rücksicht auf sich bis zu seinem letzten Athemzuge thätig war, verdient K. einen ehrenvollen Platz in der Geschichte des Preußischen Beamtenthums.