Das Kinderfest

Das Kinderfest (Nr. 47)
Die Feier unseres Kinderfestes wird in diesem Jahr am 1. Juli auf dem Nulandtplatze stattfinden, wenn nicht ungünstiges Wetter die Verlegung auf einen der zunächst darauf folgenden Tage notwendig machen sollte. Über die Ausführung der Festfeier bemerken wir folgendes:
Die Schüler müssen pünktlich um 2:00 Uhr nachmittags auf dem Marktplatz versammelt aufgestellt sein. Nach dem Gesang des Liedes: "eine feste Burg" erfolgt der Auszug durch die Gotthardstraße. Abends ungefähr um 8:00 Uhr findet der Einzug durch das Sixtitor statt. Die Kinder stellen sich auf dem Marktplatz auf, wo zum Schluss das Lied: "Nun Dank alle Gott" gesungen wird. Die Herren Geistlichen und diejenigen Herren Lehrer, welche keine Klassen zu führen haben, die Mitglieder der städtischen Behörden, der Schuldeputation und der Schulvorstände werden sich an die Spitze des Zuges stellen. Die Familienväter werden freundlichst eingeladen, sich mit anzuschließen. Die Herren Bürgerschützen werden dem Zug der Kinder den erforderlichen Schutz gewähren.
Zur Ausführung der nötigen Arrangements auf dem Festplatze sind deputiert: die Herren MagistratsAssesoren Stollberg und Körner, die Herren Stadtverordneten Meyer, Koven, Grube, Behrenz, Bichtler und Hetzer und der Rektor Block.
Alle diejenigen welche auf die Festplatz Zelte oder Buden aufzubauen beabsichtigen, werden ersucht, sich wegen der Einzuweisen spätestens bis zum 27. Juni bei dem Garnisonverwalter Herrn Zschtzschingk zu melden. Derselbe wird die Bedingungen für das Aufstellen und Wegschaffen der Zelte und Buden mitteilen. Für die Benutzung der überwiesenen Plätze ist ein Standgeld von einem Silbergroschen sechs Pfennige pro Meter zu entrichten, welche sogleich bei der Anmeldung an den Herrn Zschetzschingk zu zahlen ist.
Zur Abwendung von Störungen werden folgende polizeilichen Bestimmungen erneuert:
a)  Um auf dem Festlplatz zu gelangen und von demselben wieder herunterzugehen, dürfen nur     
die hergestellten Ausgänge benutzt werden. Jede Beschädigung der Böschung muss
vermieden werden.
b) Die auf dem Platze stehenden Bäume dürfen in keiner Weise beschädigt werden. Die
Pflanzung wird der Obhut des Publikums dringend empfohlen. Reiten und Fahren auf dem Festplatze ist bereits bei einer Strafe bis zu drei Thalern verboten.
c) Das Abbrennen der Feuerwerkskörper auf dem Platze wird untersagt. Übertretungen werden mit einer Strafe bis zu drei Thalern oder verhältnismäßigem im Gefängnis belegt, wenn nicht etwa wegen der Nähe zu Scheunen oder Zelten nach dem Strafgesetzbuch höhere Bestrafung eintritt.
e) Der Verkehr in den öffentlichen Schankbuden oder Zelten darf über die zwölfte Stunde des Nachts nicht ausgedehnt werden. Übertretungen dieses Verbots werden nach § 365 des Strafgesetzbuches bestraft.
f) Das Fest darf über den Tag, an welchem der Auszug und der Einzug der Kinder stattfindet, hinaus nicht ausgedehnt werden. Die sämtlichen Buden und Zelte müssen am darauf folgenden Tage von dem Platze wieder beseitigt werden.
Merseburg, den 10. Juni 1872
Der Magistrat

 

Das Sedanfest

Sedanfest (Nr. 53)
Aufruf!
Noch eher irgendwo im deutschen Lande einer jener herrlichen Erinnerungstage des letzten Krieges wiederum gefeiert worden, glauben wir den Gedanken an ein deutsches Nationalfest an einem und demselben Tage Wiederaufleben lassen zu müssen. Der Gedanke hat sich im ganzen Volke Anerkennung verschafft. Seine hohe nationale Bedeutung leuchtet ein. Die Feier des 2. September im vorigen Jahr, trotz der vielen vorausgegangenen Feste, hat bewiesen, dass die gewaltigen Ereignisse von Sedan mit ihrem wunderbaren Jubelsturm im deutschen Volke mehr als alle anderen unverzichtbar in allen deutschen Herzen eingegraben sind. Auf denn, vereinigen wir uns alle auf diesen Tag. Der 2. September werde zum großen Nationalfeiertage erwählt! Um des Ganzen willen müssen persönliche Wünsche schweigen. An jenem Tage herrsche Waffenstillstand für alle Parteien. Eins sei unser Volk zu Nationalfeier, wie es einst war in den Tagen des Kampfes. Möge sich zeitlich in allen deutschen Gauen Festkomitees und Vertretungen aller Korporationen bilden, ein würdiges, wahres Volksfest vorbereiten. Jeder echte deutsche Mann trete an seinem Platz mit ein, denn es gilt ein großes All-Deutschland umfassendes Nationalfest am 2. September zum Andenken an die glorreichen Erfolge des Krieges von 1870/71 und die Wiederausrichtung des Deutschen Reiches. Vom Fels zu Meer, vom Palast zu Hütte, bei Jung und Alt, in Familie, in Schule und Kirche, in allen Vereinen und Kooperationen werde der 2. September zu einer Dankfeier für die herrlichen Taten Gottes an unserem Volke, zu einem Freudentage für unseren teuren Heldenkaiser, als Ausdruck der unverbrüchlichen Liebe und Treue seines Volkes, zu einem Erinnerungstage an die gefallenen Helden in erneuerter tatkräftige Erweisung der Liebe an ihre Hinterbliebenen, zu einem Ehrentage für die lebenden Sieger, zu einem Jubeltage für unser ganzes Volk in Neubelebung der Liebe zum Vaterland, zu einem lebendigen, von Jahr zu Jahr in neuer Herrlichkeit entstehenden Denkmal der errungenen Einheit All-Deutschlands.
Am 10. Mai 1872, dem Jahrestag des Frankfurter Friedens.
Unterschrieben von vielen Personen aus allen Gauen Deutschlands

 

Das Sedanfest (Nr. 68)
Das Programm zur Feier des Dankfestes am 2.September 1872

Am 1. September abends 6:00 Uhr Glockengeläute und Kanonendonner.
Am 2. September 6:00 Uhr Reveille durch den Kriegs- und Landwehrverein, die Bürgerschützen und anschließendem Kanonendonner.
Früh um 7:00 Uhr Glockengeläut
Um 10:00 Uhr Dank- und Festgottesdienst in der Domkirche. Festzug nach der Kirche:                      
Versammlung auf dem Schulplatz hinter der Rittergasse. Um dreiviertel 10 Uhr werden dort
folgende Gesangsbuchverse gesungen: Allein Gott in der Höhe sei Ehr…
Sogleich nach dem Gesange setzt sich der Zug in Bewegung in der folgenden Ordnung:
die Herren Geistlichen,
das Gymnasium und die Herren Lehrer,
ein Musikkorps,
die Stadtschulen mit den Herren Lehrern und zwar die erste. bis dritte Knabenklassen der ersten Bürgerschule, die erste und zweite Knabenklasse der zweiten Bürgerschule der inneren Stadt, die erste Knabenklasse des Neumarkts, die erste  Knabenklasse der Altenburg,
der Landwehrverein
die Staats- und Stadtbehörden, die Schuldeputation, die Schulvorstände, Bezirksvorsteher und alle Bürger, welche sich anschließen möchten
der Kriegerverein
die Bürgerschützen.
Lieder die in der Kirche gesungen werden: Lobet den Herren Vers 1-4…
und nach der Rede: Lobe den Herren Vers 5
abends 8:00 Uhr Fackelzug, ausgeführt von der Turnerfeuerwehr und anderen Vereinen. Der Zug geht von dem Domplatz aus durch die Burgstraße, über den Markt, durch die Breitetraße, wie Gotthardtsstraße auf den Marktplatz, wo die Fackelträger und die Teilnehmer des Festzuges einen Kreis bilden. Nach der Aufstellung Gesang des Liedes "Dem Vaterlande" von Schülern durch die hiesigen Gesangsvereine. Hierauf ein Hoch auf den Kaiser, dann Gesang des Liedes "Heil dir im Siegerkranz" und der Schlussgesang "Nun danket alle Gott"
Die Bewohner Merseburg werden ersucht, die Straßen der Stadt durch Flaggen recht festlich zu schmücken.
Feierlichkeiten in den Schulen werden durch die Herren Rektoren angeordnet.
Merseburg, den 20. August 1872
der Magistrat

Das Sedanfest (Nr. 70)
Bekanntmachung
Am Tage aller Deutschen
Festgesang zur Feier des 2. September

Es zieht ein Lied mit Silberschwingen
Gleich einem Schwan herauf den Strom
Last fahnen wehen und Schilde klingen
Und schmückte mit Kränzen,Haus und Dom!
Last Orgeln brausen, Glocken tönen
In hehrer Siege Widerhall!
Durch alle Grauen soll er dröhnen
der ehr`nen Schlünde Widerhall!

O schauet sichtbar Gottes walten!
Der gegen uns das Schwert erhob,
Der Feind half das Panier entfalten,
Davor ihm Heer und Ruhm zerstob.
Er kam daher mit Roß und Wagen,
Doch trog ihn seines Sternes Schein:
Der heutige Tag sah ihn geschlagen
Durch Deutschlands treue Wacht am Rhein.

An jenem Tag, zu jeder Stunde
Da war es, als zum ersten Mal
Der Sagenberg gebebt im Grunde,
In seinem Grund gebebt das Tal.
Als des Kyffhäusers Pforten klangen
In ihren Angeln Sturm bewegt,
Als sich auf Barbarossa Wangen
Erneuten Lebens Rot gelegt.

Dabei hwars, wo Deutschlands Blicke ruhten
Auf Preußens Königsedelweiß,
Da hoben der Begeisterung Gluten
Auf ihren Schild den Heldenkreis.
Seit jenem Tag war er erkoren
Von aller Stämme Zahl und Haupt,
War Deutschlands Einheit, neugeboren,
Vom Glanz des Alten Reichs belaubt.

O bauet denn mit Lob und Danken
Das Deutsche Reich, das Deutsche Haus,
Dass nimmer ihre Säulen wanken,
Zur Ehre Gottes baut sie aus!
Bei uns soll fromme Sitte wohnen
Und Treue und Sucht, nicht Schein noch Tand!
Gott sei mit Deutschlands Volk und Thronen!
Gott segne Dich, mein Vaterland!

Das Sedanfest (Nr. 71)
Merseburg, den 3. September 1872
Gestern wurde in unserer Stadt, wie im vorigen Jahre, die Erinnerung an die gewaltigen Ereignisse des glorreichen beendeten Krieges, der Tag von Sedan wieder festlich begangen. Die Stadt prangte dabei im festlichen Flaggenschmuck. Die Feier wurde nach dem aufgestellten Programme durch eine um 5:30 Uhr mit Kanonendonner begleitete Reveille der Bürgerschützen, des Krieger- und Landwehrvereins und nach dieser um 7:00 Uhr durch das Glockengeläute der Kirchen eingeleitet. Auf dem Flurplatze versammelten sich um 9:30 Uhr die Spitzen und Mitglieder der königlichen und städtischen Behörden, die Geistlichkeit, die Herren Lehrer des Gymnasiums und der Bürgerschulen, die Schüler des Gymnasiums und der oberen Knabenklassen der städtischen Schulen, der Kriegerverein, Landwehrverein, die Bürgerschützen, der Männer-Turnverein und die Deputationen der Gesangsvereine mit ihren Fahnen, sowie eine große Zahl der Bewohner Merseburgs. Um 10 Uhr setzte sich der Festzug unter Glockengeläute nach der Domkirche in Bewegung, während das Stadtmusikkorps geistliche Lieder spielte. Nach abklingen des Liedes" Lobe den Herren" hielt Herr Pastor Heineken die Festrede. Nach Beendigung des Gottesdienstes brachten die Vereine ihre Fahnen nach dem Rathaus. Am Nachmittag um 1:30 Uhr versammelten sich die Vereine wieder auf dem Marktplatze, um die Fahnen von dem Rathaus wieder abzuholen und zogen als dann nach der Funkenburg zu dem dort veranstalteten Gartenfest, welches sehr zahlreich besucht war. Um 4:00 Uhr war von Seiten der Bürgerschule Schauturnen veranstaltet. Abends 8 Uhr fand ein Fackelzug statt, angeführt von der Turnerfeuerwehr und anderen Vereinen. Als derselbe im Schloßhofe angekommen war, hielt der Regierungspräsident Rothe eine Ansprache und schloss mit dem dreimaligen Hoch auf den deutschen Kaiser, in welches die Versammelten lebhaft einstimmten. Vom Schlosshof bewegte sich der Zug durch die vorgeschriebenen Straßen nach dem Marktplatz, wo die Teilnehmer desselben einen Kreis bildeten. Nach dem das Lied  „Dem Vaterlande" von Kübler durch die hiesigen Gesangsvereine gesungen war, brachte der Herr Justizrat Hunger, das Hoch auf den Kaiser aus, worauf das Lied "Heil dir im Siegerkranz" und zum Schluss" Nun danket alle Gott" gesungen wurde, während die Fackeln, auf einen Haufen geworfen, in hellen Flammen loderten. Am Abend fanden in mehreren lokalen Tanzvergnügungen statt.