Berichte aus dem Merseburger Kreisblatt 1872

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Krimminalgerichtsverfahren vor dem Schwurgericht in Naumburg

Diebstahl in Querfurt(20. Februar 1872)
Der Handarbeiter Karl Eduard Römer aus Zeugfeld war wegen schweren Diebstahls im Rückfälle angeklagt und wurde von Appellationsgerichts-Referendar Schmidt verteidigt. Der Angeklagte ist geständig, in der Nacht vom 29. zum 30. Oktober dem Inspektor Ackermann zu Querfurt folgende Gegenstände, als: eine goldene Taschenuhr mit goldene Halskette, einen Rock, einen Überzieher, eine Weste, ein Paar Beinkleider, ein Paar Stiefeln, zwei Halstücher und zwei Taschentücher entwendet zu haben. Er hat den Diebstahl geständigermaßen derart ausgeführt, dass er in die verschlossene Wohnung durch ein nicht geschlossenes Fenster in den Hausflur einstieg und sodann aus den unverschlossenen Räumen des oberen Stockes die Gegenstände entwendet. Bei dem Geständnis des Angeklagten würde die Zuziehung der Geschworenen nicht erforderlich gewesen sein, wenn die Staatsanwaltschaft nicht der Ansicht gewesen wäre, das mildernde Umstände dem Angeklagten nicht zuzubilligen sein. Diese Ansicht wird näher begründet und von der Verteidigung der Versuch gemacht, sie zu widerlegen. Die Geschworenen hielten den Angeklagten für schuldig und zwar ohne Annahme mildernde Umstände, worauf der Angeklagte Römer zu zwei Jahren Zuchthaus und Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf gleiche Dauer verurteilt, auch die Zulässigkeit zur Stellung unter Polizeiaufsicht ausgesprochen wurde.

Straßenraub bei Obergreißlau (22. Februar 1872)
Der Zimmergeselle Karl Friedrich Hirsch aus Langendorf stand wegen versuchten Straßenraubes und Diebstahls unter Anklage und wurde von dem Appellationsgerichts-Referenten Rietschel verteidigt. Als der Maurer Friedrich Vollrath aus Obergreißlau sich in der Morgendämmerung des 21. September nach seinem Arbeitsplätze, an dem Wärterhäuschen Nummer zwei der Geraer Bahn begeben wollte, erhielt er plötzlich einen heftigen Schlag von hinten über die linke Schulter. Er stürzte zu Boden und hörte von einer bekannten Stimme die Worte: „Hund, Du musst sterben.“ Er drehte sich nach seinem Angreifer um und erkannte in ihm den Zimmermann Hirsch aus Langendorf. Der Letztere schlug wiederholt mit einem starken Knüppel auf Vollrath los, der ihm zurief: „Hirsch, bedenke dein Gewissen“ und verletzte den Vollrath an der linken Backe, Arm und Achseln. Auf die Frage des Angegriffenen: „Was willst Du denn von mir?“ erwiderte Hirsch: „Hund, gibt das Geld heraus, Du hast Geld bei dir!“ worauf ihm Vollrath deine ganze Barschaft, bestehend aus einem Silbergroschen anbot. In diesem Augenblick hörte Hirsch das Nahen einer Person und entfernte sich, ohne den Silbergroschen angenommen zu haben. Hirsch hat sein Geständnisse abgelegt, bestreitet aber die Absicht zu töten gehabt zu haben. Der Angeklagte hatte schon vorher, am 14. September einen ähnlichen Einfall ausgeführt. Am genannten Tage begegnete er nämlich auf der Naumburg-Weißenfelder-Chaussee, eine halbe Stunde vom Gasthof „Zur schönen Aussicht“ der vom Wochenmarkt heimkehrenden unverehelichten Amalie Genenger aus Plotha und redete sie mit den Worten an: „Gib mir gutwillig das Geld her“. Das Mädchen trat erschrocken einige Schritte zurück, der Hirsch folgte ihr und versetzte ihr mit einem starken Knüppel einen Schlag auf den Kopf, während die Genenger einen zweiten ihren über den Kopf gehaltenen Arme parierte. Sie zog hierauf ihr Portmonee heraus und ließ sich dasselbe mit den darin befindlichen viereinhalb Silbergroschen aus der Hand nehmen, worauf Hirsch sich entfernte. Beide Verletzte sind wieder hergestellt worden, sind aber längere Zeit arbeitsunfähig gewesen. Auch diesen Fall hat Hirsch zugestanden. Außerdem ist Hirsch geständig, dem Gastwirt Heinecke auf der schönen Aussicht Anfang September ein Tischmesser entwendet zu haben. Der Staatsanwalt hielt die Anklage aufrecht. Die Verteidigung ist der Ansicht, dass dem Angeklagten mildernde Umstände zugesprochen werden müssten, die in der bisherigen Unbestraftheit und dem Geständnisse des Angeklagten zu finden seien. Die Geschworenen hielten den Hirsch unter Ausschluss mildernder Umstände für schuldig, worauf derselbe, dem Antrag der Staatsanwaltschaft gemäß, zu acht Jahren Zuchthaus und Verlust der Ehrenrechte auf gleiche Dauer verurteilt, zugleich auch die Zulässigkeit zur Stellung unter Polizeiaufsicht ausgesprochen wurde.

Diebstahl bei Schraplau (22. Februar 1872)
Der Maurer Johann Carl Christoph Mühlberg und seine Ehefrau Charlotte Henriette geborene Kühne aus Schraplau waren wegen schweren Diebstahls im Rückfälle angeklagt. Der gleichzeitig als Feldhüter fungierende Schäfer Steuer befand sich in der Nacht vom 23. zum 24. August zur Wache auf dem Feldplane seines Dienstherrn, Amtsrat Wenzel, in der Nähe von Schraplau, als er durch das Anschlagen seiner Hunde und durch das Geräusch von Sicheln auf die Vermutung kam, dass sich auf einer angrenzenden, gleichfalls seinem Herren gehörigen Haferbreite, die schon mehrfach bestohlen worden, Diebe befinden möchten. Mit einem Karabiner bewaffnet, näherte er sich der fraglichen Stelle und stieß bald auf drei mit abgeschnittenem Haferrispen gefüllte Säcke, während er in einiger Entfernung zwei Personen bemerkte, die mit Absicheln von Ähren beschäftigt waren. Er schlich sich bis auf wenige Schritte heran und erkannte in dem Frühlichte mit aller Bestimmtheit den Maurer Mühlberg und dessen Ehefrau. Letztere entsprang ihm und als er Mühlberg arretieren wollte, kam dieser mit gespanntem Doppel-Terzerol auf ihn zu. Steuer gebot ihm Halt und als jener immer weiter vordrang, drückte er seinen Karabiner auf ihn ab. Das Gewehr versagte, Mühlberg fasste es und hielt dem Steuer das gespannte Doppel-Terzerol auf die Brust mit den Worten: "Nun Hund, schieße einmal oder es ist dein Letztes!" Steuer nahm von weiterem Kampfe Abstand und musste zugeben, dass Mühlberg die drei Säcke mit entwendetem Hafer auf sein nahe liegendes Prachtstück schaffte. Die beiden Angeklagten leugneten die Tat und es ist die Ehefrau Mühlberg nicht im Stande gewesen, ihre Behauptung: Sie habe in der fraglichen Nacht ihre Wohnung nicht verlassen, zu beweisen. Bei der Hausdurchsuchung im Mühlbergschen Gehöft wurde indessen ein geladenes Doppel-Terzerol, wie es Steuer beschrieben, vorgefunden, außerdem 20-30 und ausgedroschene Hafergaben, mindestens ein halber Wispel Hafer, unter welchem sich deutliche Spuren von Klee vorfanden und mehrere Bündel ausgedroschene Haferabschnitte, auch eine bedeutende Qualität und ausgedroschene Haferabschnitte als Streufutter in dem Schweinestall. Auf seinem Pachtfelde hat Mühlberg aber höchstens zehn Scheffel Hafer geerntet, auch war auf demselben kein Klee vorhanden, während das bestohlene Haferstück mit untergesätem Klee bestanden, der so hoch aufgeschlossen war, dass bei dem Abschneiden der Haferrispen die Spitzen mehrfach mit abgeschnitten worden waren. Die heutige Beweisaufnahme fiel lediglich zu Gunsten der Anklage aus und es gelang der angeklagten Ehefrau auch heute nicht, durch die geladenen Zeugen der Verteidigung darzutun, dass sie in der Nacht der Tat ihre Wohnung wegen Krankheit nicht habe verlassen können, wie sie behauptet. Die Staatsanwaltschaft war daher vollkommen in der Lage, beantragen zu müssen, das Schuldig über die Angeklagte auszusprechen. Die Auseinandersetzungen der Verteidigung waren, dem vorliegenden, erdrückenden Belastungsbeweise gegenüber, fruchtlos, wenngleich sie sich bemühte, die Auslassungen des als Zeuge oder Sachverständiger vernommenen Bürgermeisters aus Schraplau anzugreifen. Die Geschworenen sprachen das Schuldig über beide Angeklagte aus, worauf der Maurer Mühlberg zu vier Jahren Zuchthaus, Verlust der Ehrenrechte auf gleiche Dauer, die verehelichte Mühlberg zu zwei Jahren Zuchthaus und Verlust der Ehrenrechte auf zwei Jahre verurteilt wurde, zugleich aber auch die Zulässigkeit zur Stellung beider Angeklagten unter Polizeiaufsicht ausgesprochen wurde.

 

Diebstahl in Roda (26. Februar 1872)
Der Tischlergeselle Ernst Reinhold Opitz aus Roda war wegen schweren Diebstahls im Rückfalle angeklagt. Der Angeklagte war im allgemeinen geständig, bestritt aber den erschwerenden Umstand. Nach der Anklage hatte er sich am 7. November gegen 8:00 Uhr abends in das Haus seines Bruders eingeschlichen, sich dann in die Hauskammer über dem Backofen begeben und gegen 11:00 Uhr nachts, als alle Bewohner des Hauses schliefen, aus der unverschlossenen Stubenkammer verschiedene Kleidungsstücke und ein Paket Zigarren und aus der Küche eine Partie Kuchen entwendet. Den Austritt aus dem Hause hatte er durch ein aus der Stubenkammer nach der Kegelbahn führendes Fenster vorgenommen und war von hier aus durch einen geöffneten Laden ins Freie gelangt. Der Angeklagte bestritt, wie schon oben gedacht, den erschwerenden Umstand des Enschleichens zum Zwecke des Diebstahls, will vielmehr nur deshalb in das Haus sich begeben haben, um ein Obdach zu suchen und den Entschluss zu stehlen erst später gefasst haben. Die Staatsanwaltschaft war mit der Annahme mildernder Umstände einverstanden und wurde der Angeklagte von den Geschworenen für schuldig erachtet und zu drei Monaten Gefängnis verurteilt.

Diebstahl in Meineweh (26. Februar 1872)
Der Handarbeiter Heinrich Karl Räche aus Meineweh war wegen zweier schwerer Diebstähle im Rückfälle angeklagt. Der Handarbeiter Friedrich Wilhelm Gerler stand wegen schweren Diebstahls unter Anklage. Beide Angeklagte waren am 2. Oktober auf dem Rittergut Meineweh damit beschäftigt, Kartoffeln in die Kellerräume zu schaffen. Bei dieser Gelegenheit hatte Räche geständiger Maße aus dem benachbarten Weinkeller, indem er die Kellertür gewaltsam erbrach, nach und nach 5-6 Flaschen Wein entwendet, die er dann zusammen mit Gerler, der um den Erwerb des Weins wusste, austrunken. Dies hatte auch Gerler eingeräumt. Räche war ferner geständig, im Frühjahr 1871 dem Brennereiführer Schmidt zu Meineweh aus einer Kiste, die auf einem Boden des Rittergutes stand und deren Deckel mit einem Nagel zu genagelt war, verschiedenes Handwerkszeug entwendet zu haben. Die Verteidigung des Räche führte aus, dass der an dem Weine verübte Diebstahl als ein solcher nicht, vielmehr nur als Entwendung von Genussmitteln von nicht bedeutenden Werte anzusehen sei und dass das Herausziehen des Nagels aus dem Deckel der Kiste bei dem zweiten Diebstahle nicht als ein Erbrechen der Kiste betrachtet werden könne. Bezüglich des Gerler ließ die Staatsanwaltschaft die Anklage wegen Diebstahls fallen und stellte den Antrag, denselben der Hehlerei für schuldig zu erachten. Gegen diesen Antrag wendete die Verteidigung ein, das von Hehlerei nicht die Rede sein könne, da Gerler den Wein nicht an sich gebracht, d.h. in seinen Gewahrsam genommen, sondern auf der Stelle getrunken habe. Die Geschworenen sprachen über Räche das Schuldig wegen schweren Diebstahls und wegen Entwendung von Genussmitteln, über Gerler wegen Hehlerei aus und wurde Räche demnächst zu einem Jahr Gefängnis und Ehrverlust auf ein Jahr sowie zu 14 Tagen Haft und Gerler zu einer Woche Gefängnis verurteilt.

Betrugsfall in Zeitz (26. Februar 1872)
Der Handarbeiter Johann Gottlieb Friedrich Itting aus Naumburg befand sich wegen Betrugs im Rückfälle und wegen Diebstahls im Rückfälle unter Anklage. Er ging war geständig. Er war am  4. und 5. Mai zu dem Gärtner Baum in Zeitz gekommen und hatte dort vorgegeben, er sei von dem Kaufmann Schiller in Theißen beauftragt, für ihn für 3 Taler 15 Silbergroschen Pflanzen zu holen. Auf diese Angabe erhielt er die Pflanzen, auch eine Rechnung auf Schillers Namen, die er mitnahm. Itting hatte die Pflanzen teilweise verkauft und einen Teil zurückzugeben versucht, als seine Schwindelei entdeckt wurde. Am 13. Mai bot Itting dem Gastwirte Reinhardt in Teuchern Bäume zum Verkaufe an und entwendeten bei dieser Gelegenheit einen Schubkarren, der vor der Türe des Reinhardtschen Schenklokals stand. Er hatte den Karren für einen Taler 15 Silbergroschen verkauft. Der Spruch der Geschworenen lautete, dem Antrag der Staatsanwaltschaft gemäß, auf Schuldig unter Ausschluss mildernder Umstände und wurde Itting zu einem Jahr und fünf Monaten Zuchthaus, 50 Taler Geldbuße, eventuell noch ein Monat Zuchthaus und Verlust der Ehrenrechte auf zwei Jahre verurteilt und die Zulässigkeit der Stellung unter Polizeiaufsicht ausgesprochen.
Schwurgericht Naumburg (27. Februar 1872)
Zuerst wurde verhandelt gegen die Müllergesellen Adolf Wind aus Drohndorf und Hermann Wilhelm Hohmann aus Leimbach, gegen Wind wegen schweren Diebstahls im Rückfälle, gegen Hohmann wegen Teilnahme an einem schweren Diebstahle. In der Nacht vom 20. zum 21. Oktober wurde in der Mühle zu Wetterau ein Diebstahl verübt, indem dem Müllerknappen Steiger aus einem verschlossenen Schränkchen 70 Taler gestohlen wurden. Der Verdacht der Tat lenkte sich auf dem Müllergesellen Wind, der mit der Lokalität vertraut war und dem man die Tat wohl zutrauen konnte, da er schon mehrfach wegen Diebstahls bestraft wurde. Wind wurde denn auch nach einiger Zeit ergriffen und gestand dieser Verübung des Diebstahls, zumal er noch im Besitze von 31 Talern betroffen wurde. Er bezichtigte aber den Mitangeklagten Hohmann als Gehilfen der Tat. Hohmann hat, nachdem er anfänglich jede Beteiligung an den Diebstähle hartnäckig in Abrede gestellt, zugestanden, in der von Wind erzählten Weise an der Tat teilgenommen zu haben, bestreitet aber die Angabe des Wind, dass er, Hohmann, die Anregung zur Verfügung des Diebstahls gegeben und behauptet, dass diese von Wind ausgegangen, der bekanntlich in der Mühle bekannt gewesen, während er früher noch nie in die hiesige Gegend gekommen sei. Die Staatsanwaltschaft setzt auseinander, dass der vorliegende Fall sich als Diebstahl mittelst Einschleichen zu charakterisieren, ein Einsteigen vorliege, da Wind auf einem Wege in die Mühle gelangt sei, der nicht zum Eintritt bestimmt sei. Die Verteidigung hält einen Diebstahl mittelst Einschleichens nicht für vorliegend, da hierzu gehöre, dass sich der Dieb nach dem Einschleichen in dem fraglichen Gebäude erst eine zeitlang versteckt gehalten haben müsse, bevor er an dieser Übung des Diebstahls gegangen. Auf diese Art sei der Diebstahl nicht ausgeführt, Wind habe vielmehr die ganze Handlung in einem Zuge, ohne unterbrochen worden zu sein, vollbracht. Die Verteidigung des Hohmann plädierte für diesen mit Annahme mildernder Umstände. Die Geschworenen stellten durch ihr Verdikt einen Diebstahl mittels Einschleichen fest und sprachen das Schuldig über Wind wegen schweren Diebstahls, ohne mildernde Umstände, über Hohmann wegen Teilnahme an einem schweren Diebstähle, unter Annahme mildernder Umstände, aus. Demgemäß wurden Wind zu drei Jahren Zuchthaus, Ehrverlust auf gleiche Dauer und Zulässigkeit zur Stellung unter Polizeiaufsicht und Hohmann zu drei Monaten Gefängnis verurteilt.

Urkundenfälschung in Schkeuditz (27. Februar 1872)
Der Müller Heerd aus Schkeuditz war wegen Urkundenfälschung angeklagt. In einem Prozesse des Holzhändlers Renner zu Skeuditz gegen den Angeklagten produzierte der Letztere eine Quittung des Mandanten des Schkeuditzer Vorschussvereins über zwölf Taler, die er geständigermaßen gefälscht hatte. Die Quittung lautete ursprünglich über zwei Taler und änderte Heerd das Wort zwei in zwölf um. Da allerseits mildernde Umstände angenommen wurden, war die Zuziehung der Geschworenen nicht erforderlich und wurde der Angeklagte nur zwölf Tagen Gefängnis verurteilt.

Wechselbetrug in Merseburg (27. Februar 1872)
Der Handelsmann Hermann Keck aus Merseburg stand wegen Urkundenfälschung in zwei Fällen unter Anklage. Der Angeklagte war geständig. Er hatte im Frühjahr einen Wechsel über 15 Taler mit dem Rezept des Handelsmann Michael Ackermann in Lützen fälschlich selbst angefertigt und ihm an den Geometer Bräseke in Merseburg weiter begeben. In dem anderen Falle hatte er einen Wechsel über 50 Taler selbst angefertigt, auch als Akzeptanten  den Namen des Konditors Weber in Naumburg darauf gesetzt und auch diesen Wechsel weiter gegeben. Zu seiner Entschuldigung führte er an, dass er sich in der fraglichen Zeit in sehr großer Geldverlegenheit befunden, aber gehofft hätte, die Wechsel vor der Verweilzeit bezahlen und so wieder an sich bringen zu können. Seitens der Staatsanwaltschaft werden ihm mildernde Umstände, wie sie die Verteidigung beantragt, nicht zugebilligt. Die Geschworenen sprachen das Schuldig über den Angeklagten aus, nahmen aber in dem Falle, betreffend den Ackermannschen Wechsel, mildernde Umstände aus, worauf der Keck zu einem Jahr und einen Monat Zuchthaus und Verlust der Ehrenrechte auf zwei Jahre verurteilt wurde.

 

Unzucht in Cölleda (29. Februar 1872)
Die erste Sache gegen den Lehrer Friedrich Wilhelm Franke aus Cölleda, der wegen Unzucht angeklagt war und von Rechtsanwalt Träger aus Cölleda verteidigt wurde, wurde in nicht öffentlicher Sitzung verhandelt und der Angeklagte zu einem Jahr Gefängnis verurteilt.

Unzucht in Lengefeld (29. Februar 1872)
Auch bei der zweiten Sache gegen den vormaligen Lehrer Rathmann aus Lengefeld, der ebenfalls wegen Unzucht unter Anklage gestellt, von Rechtsanwalt Träger, verteidigt wurde, war die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Rathmann wurde nach verhandelter Sache zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, auf welche Strafe jedoch fünf Monate der erlittenen Untersuchungshaft angerechnet wurden.

Mehrere Diebstähle (29. Februar 1872)
Der Handarbeiter Karl Erdmann Buschold aus Aue stand wegen Betrugs im Rückfalle und wegen mehrerer schwerer und einfacher Diebstähle im Rückfalle unter Anklage. Der Angeklagte war im wesentlichen geständig:
1. seinem Bruder im August verschiedene Kleidungstücke weggenommen zu haben
2. Am 20. November die für ehelichten Handarbeiter Otto im Teuchern durch die Vorspiegelung betrogen zu haben, er sei von dem Ehemann der Otto abgeschickt um diesem verschiedenen Kleidungsstücke zu überbringen. Die Otto händigte ihm die geforderten Sachen ein, die Buschold demnächst verkaufte
3. am 21. November dem Handarbeit Döhler in Theißen mehrere Gegenstände entwendet zu haben
4. in der Nacht vom 24. und 25. November in der Wärterbude Nummer 15 bei Gröben einen Diebstahl an einer Uhr, einem Spiegel und mehreren anderen Effekten in der Art ausgeführt zu haben, dass er eine Fensterscheibe eindrückte und durch das Fenster in das Wärterhaus einstieg
5. in der Nacht vom 25. und 26. November 1871 aus dem Büro der im Bau gegriffenen Hübnerschen Fabrik zu Crösseln mittels Einbruchs und Einsteigen mehrere Gegenstände entwendet zu haben
6. am Morgen des 27. November aus einem unverschlossenen Arbeitshäuschen der Riebeckschen Fabrik zu Crössln zwei Laternen und ein altes Pistol gestohlen zu haben
7. am 28. November dem Ökonomen Peter von Grochlitz aus seinem in Schönburger Flur gelegenen Weinbergehause einen Flintenlauf, indem er durch ein Fenster in das Haus Eenstieg, entwendet zu haben
8. an demselben Tage dem Ökonomen Kneist aus dessen Weinberghause ein Bild gestohlen zu haben und zwar mittels Einbruchs.
Die Geschworenen hielten den Angeklagten für schuldig, worauf derselbe zu drei Jahren Zuchthaus, 50 Taler Geldbuße eventuell noch ein Monat Zuchthaus und Verluste Ehrenrechte auf drei Jahre verurteilt, auch die Zulässigkeit der Sicherstellung unter Polizeiaufsicht ausgesprochen wurde.

Kindesmord in Barstedt (29. Februar 1872)
De unverehelichte Friederike Dittmann aus Heringen war wegen Kindesmordes angeklagt. Am 11. November 1871 wurde die Angeklagte als krank von Barnstedt, wo sie bei dem Ökonomen Lautenschläger in Dienst gestanden, nach Querfurt geschafft. Sie gab an ,schwanger gewesen zu sein und eine Fehlgeburt erlitten zu haben. Man stellte Nachforschungen an und entdeckte auf dem Lautenschlägerschen Futterboden, unter einem Haufen Rapskappen versteckt, den Leichnam eines Kindes weiblichen Geschlechts. Das Kind war nach dem Gutachten der Sachverständigen ein reifes und lebensfähiges und ist am Gehirnschlage gestorben, welcher durch die mittels äußerer Gewalt dem Schädel beigebrachten Knochenbrüche verursacht war. Die Dittmann ist geständig, in Barnstedt ihr Kind unmittelbar nach der Geburt vorsätzlich getötet zu haben. Sie befand sich seit dem Frühjahr 1871 schwanger und sie will geglaubt haben, ihre Entbindung werde erst nach dem Neujahr 1872 eintreten. In der Nacht vom 11. zum 12. Dezember stellten sich jedoch Wehen ein. Sie ging dessen ungeachtet am Morgen des 11. Dezember zu ihrer Arbeit in den Kuhstall und wurde dort entbunden. Da ihre Entbindung von niemand bemerkt worden, glaubte sie dieselbe verheimlichen zu können, wenn sie das Kind beseitige. Sie nahm zu diesem Zwecke dien in dem Stalle befindliche Mistgabel, stieß dieselbe wiederholt in den Körper des Kindes und verdeckte dasselbe, als es zu schreien aufgehört, mit etwas Mist zu. Sie besorgte hierauf die Kühe, bis ihre Herrschaft ihr Unwohlsein bemerkte und ihren Transport nach Querfurt anordnete, worauf sie die Kindesleiche auf den Futterboden trug und unter Rapskappen versteckte, in der Erwartung, dass sie dort lange Zeit unentdeckt bleiben würde. Die Verteidigung plädierte auf Annahme mildernder Umstände, deren Vorhandensein seitens der Staatsanwaltschaft bestritten wurde die Geschworenen sprachen das Schuldig mit mildernden Umständen aus und wurde demgemäß die Angeklagte zu drei Jahren Gefängnis verurteilt.

Polizeiberichte

Unglück am Gotthardtsteich (Nr.1)

Am Neujahrstage brach der Sohn des Sattlermeisters Zahn auf dem Gotthardtsteiche ein. Er betrat die von den Eishauern bloßgelegte, über Nacht erst wieder zugefrorene Fläche und versank. Mit Mühe und eigener Lebensgefahr ist seine Rettung erfolgt. Erstarrt fand er gute Pflege bei dem am Teiche wohnhaften Maurer Liebing.

Baumfrevel in der Bahnhofstraße (Nr.3)

Durch ruchlose Hand in der vergangenen Nacht 7 Stück der so schön angewachsenen jungen Kastanienbäume in der Bahnhofstraße an der Wurzel abgebrochen worden. Wir sichern eine Belohnung von 20 Talern demjenigen zu, welcher den Täter so ermittelt, dass er zur Bestrafung gezogen werden kann. Im Übrigen richten wir an den Gemeinsinn des Publikums die dringende Bitte, die Anlagen, welche unserer Stadt einen so freundlichen Anstrich geben, nach Möglichkeit mit in Schutz zu nehmen….der Magistrat der Stadt Merseburg

In der Nacht vom Sonntag zum Montag sind in der Bahnhofstraße und zwar an der Seite der katholischen Kirche auf schändliche Weise 7 junge Kastanienbäume umgebrochen worden. Es gehört ein großes Maß an Rohheit dazu, sich an mühsam angelegten städtischen Anpflanzungen, die eine Zierde der Straße werden sollen, auf so frevelhafte Art zu vergreifen. Leider gelingt es zu selten, dergleichen Frevler zu ermitteln.

Schlägerei in der Funkenburg (Nr.3)

In der Funkenburg entstand Sonntags Nacht eine Schlägerei. Veranlassung dazu gab ein anscheinend den gebildeten Ständen angehöriger, aber jedenfalls in sehr animierter Stimmung befindlicher junger Beamter, der ohne Grund nur Streit suchend, das sich amüsierende Publikum handgreiflich insultiert hatte.

Schlägerei in der Oberbreitestraße (Nr.5)

Am 12. Nacht wurden die Bewohner der Oberbreitestraße durch mehrmaligen Hilferuf aus dem Schlafe geschreckt. Es ergab sich, dass 3 Soldaten und ein Zivilist, die in der nächstgelegenen Restauration schon in Wortstreit geraten waren, auf offener Straße sich prügelten. Dem Zivilisten waren bei der Rauferei die goldene Uhr sowie ein Stiefel abhanden gekommen.

Schlägerei auf der Wallendorfer Straße(Nr.5)

Am Sonntag Abend überfielen 6 auf dem Neumarkt wohnhafte Arbeiter den Ziegelbrenner k. aus Merseburg, der einen um Hospitalgarten durch Obige bedrohten jungen Mann aus Trebnitz in Schutz genommen und auf dem Heimweg begleitet hatte, auf der Wallendorfer Straße und brachten denselben verschiedene Verletzungen am Kopfe bei.

Versuchter Diebstahl (Nr.8)

Am23. Abends wurde eine Frau, die ihren Weggang aus einem herrschaftlichen Hause, in welchem sie früher beschäftigt gewesen, durch Öffnen und Wiederzuschlagen der Haustür recht bemerkbar gemacht, das Haus aber nicht verlassen, sondern auf den Stümpfen sich nach den oberen Räumen sich geschlichen hatte, in einer Kammer versteckt, erwischt. Sie hatte einen Tragkorb, der ihre Schuhe barg bei sich und war außer Stande, den sehr erschrockenen weiblichen Findern über den Zweck ihres Versteckspielens Auskunft zu erteilen. Der Verräter war hier das schattenwerfende Gaslicht gewesen.

Diebstahl am Markt und Warnung vor Bettlern (Nr.8)

Aus einem Hause am Markt wurde am 24. Januar  Nachmittags aus der eine Treppe hoch gelegenen Kinderstube eine goldene Uhr entwendet. Erst Abends, als sie in Gebrauch genommen werden sollte, wurde der Diebstahl festgestellt und fiel der Verdacht auf einen im Hause betteln gewesenen, angeblichen Handwerksburschen. Die Bemühungen, den Bettler noch ausfindig zu machen, blieben erfolglos. Er hatte nach diesem Raube die Stadt sicher schleunigst verlassen. Es kann mit Rücksicht auf die vielen, jetzt arbeitsscheuen und nur vom Betteln lebenden, passlos umherschweifenden Individuen nicht genug zur Vorsicht geraten und namentlich der Verschluss nicht bewohnter Räume anempfohlen werden. Leider ist Verfolgung solcher Strolche, die eben nur die Stadt passieren und abklopfen durch die Passfreiheit rein illusorisch, da in vielen Fällen der Verdächtige nicht einmal genau beschrieben werden kann.

Eine zehnjährige Diebin (Nr.16)

Am 17. Februar ^wurde in einem Kaufladen in der Schmalgasse ein 10jähriges Mädchen bei Ausübung eines Taschendiebstahls ertappt. Die aus der Kleidertasche einer Bauersfrau mit Geschick escamotierten 7 Silbergroschen und 9 Pfennige hatte die kleine Diebin noch in der Hand. Diese jugendliche Sünderin hat sich übrigens schon vielfach auf diesem Felde erprobt und es ist zum Beispiel dieselbe, welche am letzten Kinderfeste einer Dame im Gedränge ein Portemonaie entwendete.

In die Jauchegrube gefallen (Nr.16)

Ein Fabrikmädchen, das sich noch nicht aufgeklärter Weise am 17. Februar Abends in dem Hofe eines hiesigen Hotels zu schaffen gemacht und jedenfalls verscheucht, und mit den Lokalitäten nicht vertraut, im dunkeln eine Tür geöffnet hatte, um sich zurückzuziehen, war unglücklicher Weise in die zur Abortgrube führende Tür geraten und in die Grube gestürzt. Es lief Gefahr, darin den Erstickungstod zu erleiden, wenn nicht zufälliger Weise ein im oberen Stock wohnender Fremder das Gewimmer der bis an den Hals im Kot liegenden Person gehört und durch alarmieren des Hauses das noch rechtzeitige Herausziehen des Mädchens veranlasst hätte. Dasselbe wurde durch Wasserduschen, soweit als möglich gereinigt und von den Mitleid fühlenden Bewohnern des Hauses mit einer vollständigen Garderobe versehen nach Hause geschickt.

Diebstahl in Löpitz (Nr. 20)
In Löpitz wurden in der Nacht vom 28. Zum 29. Februar eine Ziege und ein einjähriges Lamm gestohlen. Die Ziege wurde abgeschlachtet ganz in der Nähe von Löpitz in einem Heuschober – das Lamm ebenso abgeschlachtet und als Braten in der Pfanne eines hiesigen Fleischdiebes gefunden. Am Orte der Tat hatten die Diebe zwei Knüppel, ein Küchenmesser, eine Schnupftabakdose und die nie fehlende Schnapsflasche zurückgelassen.
Randalierer in Altenburg (Nr. 20)
Nachdem der als Unfugtreiber bekannte Handarbeiter L. betrunken in ein Altenburger Schenklokal gekommen, unsittliche Lieder gesungen, die Gäste insultiert, fremde Biere getrunken, das Lokal verunreinigt hatte und schließlich an die Luft gesetzt worden war, schlug er noch von außen dem Wirt die Fenster ein. Wäre für solch rüde Sorte nicht Prügel das Beste?
Mädchen am Schießhaus fast ertrunken (Nr. 20)
Ein kleines Mädchen fiel am 5. März in dem vor dem Schießhause befindlichen Graben. Der auf der Chaussee beschäftigte Arbeiter Blanke fischte das Kind rechtzeitig wieder heraus.
Verwendung alter Ellen(Nr. 20)
Verkäufer und Käufer wollen sich immer noch nicht an das neue Maß gewöhnen. Die Polizei konfiszierte am Jahrmarktmontage eine große Partie alte Ellen.
Diebstahl in Schkopau (Nr. 21)
Aus dem Waschhause des Pfarrgehöfts zu Schkopau ist vor einigen Tagen ein kupferner Waschkessel von 35 Zentimeter Tiefe entwendet worden. Indem wir vor Ankauf des Kessels warnen, ersuchen wir, Wahrnehmungen und Verdachtsgründe, zur Widererlangung des gestohlenen oder Ergreifung des Diebes führen können, mitzuteilen.
Hochstapelei (Nr. 37)
Ein bei der hiesigen Landarmen-Direktion erst seit einigen Tagen als Schreiber beschäftigter junger Mensch versuchte auf dem Felde der Hochstapelei und mit gefälschten, den Namen des hiesigen Geistlichen tragenden Papieren, namentlich adelige Damen durch Vorzeigen dieser Empfehlung zu dupieren und zu einträglicher Mildtätigkeit zu veranlassen. Um seines Erfolges gewiss zu sein, hatte derselbe in einer besonders aufgestellten Liste namenhafte, anscheinend bereits erhaltene Summen selbst eingetragen. Leider ist es in diesem Geschäft sicher routinierten Schwindler in einem Falle gelungen, eine ansehnliche Unterstützung zu erlangen. Bei seiner Habhaftwerdung versuchte seine angebliche Frau, die voll frommer Sprüche strotzenden Bettelbriefe bei Seite zu schaffen. Beide sind in Folge dieses unterbrochenen Debüts flüchtig geworden.
Selbstmord in der Saale (Nr. 37)
Am Sonnabend Mittag stürzte sich ein anscheinend junger anständig gekleideter Mensch in der Nähe von Steckners Berg in die Saale. Am Ufer hatte er seinen mit K. gezeichneten Stock zurück gelassen. Ein hiesiger Einwohner ist bis jetzt noch nicht vermisste worden. 
Storche auf dem Sixtiturm (Nr. 37)
Auf dem Sixtiturm haben sich zwei Baumeister in Gestalt eines Storchenpaares wieder eingestellt. Interessant ist die Tätigkeit zu beobachten, mit der diese Sixtiturmbewohner Massen von altem Strauchwerk, Stroh, Dünger und so weiter zusammentragen, um es sich so wohnlich wie möglich zu machen. Bei Tagesanbruch sieht man das Pärchen auf dem Kinderplatz stolzieren und dem Regenwürmerfange obliegen.
Leiche in der Saale angeschwemmt (Nr. 38)
Am Durchstich unterhalb Steckners Berg ist am Mittwoch Nachmittag ein ertrunkener junger Mensch angeschwommen. Derselbe war anständig gekleidet und trug um die Hüften einen Strick, an welchem er jedenfalls vor dem Hereinspringen in das Wasser einen Stein befestigt gehabt hat. Außerdem hat sich das Gesicht mit einem Taschentuch vollständig verhüllt.
Kind fällt in den Marktbrunnen (Nr. 38)
Am Mittwoch Abend fiel der Sohn eines hiesigen Klempnermeisters in den Marktbrunnen. Der Knabe war auf den Brunnen geklettert und der Bretterbeschlag auf demselben zusammengebrochen. Mittels einer Waschleine, die der Sohn des Leinwandhändlers Zentgraf dem Hilfe schreienden Knaben herabließ, wurde der sonst unbeschädigt gebliebene Wasserspringer zu Tage gefördert.
Jugendbanden in Merseburg (Nr. 38)
Gewiss wird man sich noch jenes Dramas erinnern, welches vor mehreren Wochen in unserer Nachbarstadt Halle von einigen Repräsentanten der Rohheit und Entsittlichung in Szene gesetzt wurde. Wir wollen es vermeiden, die Ursachen zu erörtern, aus denen dieser in neuer Zeit vielfach auftretende Vandalismus entspringt. Es ist hierüber schon genug geschrieben worden und gewiss allseitig bekannt. Tatsache ist es, das auch in unserer Stadt in ihrer Bevölkerung auch Elemente birgt, die, obgleich noch nicht auf die Höhe der Ausbildung der Eingangs erwähnten Halleschen Strolche gelangt, jedoch doch offenbar deren Beispiel nacheifern, so dass bei fortgesetzter Übung die angestrebte Vervollkommnung bald erreicht sein dürfte. Es ist eigentümlich, dass diese rohen Subjekte, während ihre Halleschen Kollegen in den mehr entlegenen Stadtteilen ihr Wesen treiben, in unserer Stadt die Hauptstraßen zum Tummelplatz ihrer Rohheiten ungestraft auserwählen dürfen. In Gruppen von 8 bis 10 Mann ziehen dieselben nach Eintritt der Dunkelheit einher, die Vorübergehenden in den gemeinsten Zoteninsultierend, so dass es zum Beispiel für Damen geradezu gefahrbringend ist, um diese Zeit allein die Straße zu passieren. In jüngster Zeit hat sich vor dem Gotthardtstore ein Korporation etabiert, jedenfalls eine Abzweigung der sauberen Genossenschaft der inneren Stadt, welche die Prinzipien der letzteren in der würdigsten Weise vertritt. Halbwüchsige Bengels von 15 bis 17 Jahren lungern hier nach Art italienischer Lazzaroni, nur in weniger malerischer Stellung als diese, auf der Brustwehr der Überbrückung, die harmlos vorübergehenden Spaziergänger mit den unflätigsten Reden trancierend. Die Rohheit dieser sauberen Patrone geht sogar so weit, dass zum Beispiel vor einigen Tagen die junge Frau eines vor dem Gotthardtstore wohnenden Beamten von einem dieser Strolche bis dicht vor ihre Wohnung in der brutalsten Weise verfolgt wurde 

Beitrag zum Baumfrevel (Nr. 38)
Ebenso beklagenswert wie die erwähnte Rohheiten ist die Indolez, mit welcher die dem Schutze des Publikums empfohlenen Anpflanzungen unserer Stadt behandelt werden. Was hilft der Eifer des Verschönerungsvereins, wenn das, was er schafft, in den nächsten Stunden durch kindische Unart oder ruchlose Hand verdorben wird? Welchen Zweck hat es denn, wenn der Magistrat diese Anlage in der Obhut des Publikums empfiehlt und unter den Augen der vorübergehenden Bürger Frevel der genannten Art ungestraft verübt werden dürfen? 
Mann ist sehr gern geneigt, für alle die erwähnten Rohheiten, Ruchlosigkeiten und Unarten die Polizei verantwortlich zu machen, obgleich man sehr gut weiß, dass die 2-3 Exekutivbeamten, welche den ambulanten Dienst besorgen, nicht allgegenwärtig sein können. Und wenn heute die Zahl der Polizeisergeanten um das vierfache vermehrt würde, wozu zunächst, wie ein jeder weiß, die Stadt nicht in der Lage ist, so wird es um Abschaffung erwähnter Übelstände nicht um ein Jota besser bestellt sein, wenn die Polizei, wie bisher, von dem großen Publikum mit misstrauischen Augen betrachtet, und nicht, wie es nötig, von der Bürgerschaft in der Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung genügend unterstützt wird nur hierdurch und durch ein energisches vereintes Eingreifen wird es möglich sein, dieses üppig wuchernde um Kraut, welches den sittlichen Lebensnerv unserer Stadt zu gefährden droht, mit der Wurzel auszurotten.
Versuchter Selbstmord in der Saale (Nr. 55)
Die Dienstmagd C. S. von hier versuchte am Sonntag ihrem Leben durch Ersäufen ein Ende zu machen. Sie war von ihrer Herrschaft eines geringen Diebstahls bezichtigt worden, davon gelaufen und in der Nähe des Scheitplatzes in die Saale gegangen. Zufällig kahnfahrende junge Leute verhinderten die Ausführung des Selbstmordes.
Brand in Merseburg (Nr. 55)
Zwei Kinder des Schäfers B. Aus Merseburg liefen vor kurzem Gefahr zu verbrennen. Auf bis jetzt unerklärliche Weise waren in der Schäferwohnung, in der die beiden vier und Dreivierteljahr alten Kinder eingeschlossen allein sich befanden, die Betten in Brand geraten. Dem Erstickungstode schon nahe, gelang es, die Kleinen noch zu retten. Es ist zu vermuten, dass fahrlässiges liegen lassen von Streichhölzern, mit denen die Kinder in den Betten spielten, der Grund des entstandenen Brandes gewesen ist.
Ein Pferdegeschirr geht durch Nr. 55)
Der Sohn des Gastwirts S. us Merseburg hatte am 8. Juli das Unglück, in der Nähe des Eisenbahntunnels von seinem Geschirr überfahren zu werden. Beim Passieren des Tunnels nämlich scheute sich sein Pferd nach dem Teiche hin, will den Eisenbahndamm in die Höhe und läuft schließlich der Stadt zu, wo es in der Nähe des Gasthofes zur Linde aufgehalten wird. S. und sein Begleiter springen, da sie nicht der Herr des Tieres werden können, aus dem Wagen, wobei Ersterer überfahren wird. Ein Beinbruch ist leider die Folge gewesen.
Bootsunglück (Nr. 55)
Am 8. Juli abends liefen drei Personen, zwei Männer und ein Mädchen, welche hinter dem Heuschkelschen Grundstück aus einem Kahn an das Ufer springen wollten und der Höhe des Ufers und der Dunkelheit wegen das Ziel verfehlt hatte, Gefahr zu ertrinken. Nur mit Mühe war es dem zuerst ans Ufer gesprungen gelungen, sich mit einer Hand an einem Baumes festzuhalten und den beiden anderen die andere Hand zu reichen und sie so über Wasser zu erhalten, bis nach langem Hilferuf ein in der Nähe wohnender Fischer die Rettung bewerkstelligte. Die übrigen im Kahn gebliebenen, des Fahrens völlig unkundigen Personen, waren nicht im Stande gewesen, an die dem Ertrinken nahen Personen heran zu kommen. Es dürfte dieser Vorfall, der sehr leicht drei Menschenleben kosten konnte, eine Mahnung sein, des Kahnfahrens unkundigen Personen überhaupt ein solches Gefährt und am wenigsten zur späten Abendzeit zu überlassen.
Übergriffe auf die Polizei  (Nr. 83)
Am 22. Juni hatte der Revierseargent Folgentreu das Unglück, im Kampfe mit einem sich gegen die bestehende Ordnung auflehnenden, bekannten, erst vor kurzem aus der Correctionsanstalt zurückgekehrten Strolch zu Boden geworfen zu werden, wobei er die Kniescheibe brach. Der Strolch suchte das Weite, trotzdem sich viel Publikums versammelt hatte, das zu untätiger Weise die ganze Szene, als ein Schauspiel komische Art, vor sich abspielen ließ, ohne dem unglücklichen Beamten hilfreiche Hand zu leisten. Der Beamte musste per Wagen fortgeschafft werden. 
Ähnlich hat sich eine solche Brutalität und Rohheit am 11. Juli an dem Revierdiener Heiner wiederholt. Derselbe ist bei der Festnahme zweier, nächtlichen Skandal vollführenden Individuen von diesen zu Boden geworfen und durch schlagen auf Leib und Brust derart malträtiert worden, dass auch er bettlägerig ist. Leider haben in diesem Fall auch die Wächter ihre Schuldigkeit nicht getan.
Es ist ein sehr trauriges Zeichen der Zeit, dass die zur Aufrechterhaltung der Ordnung berufenden Organe der Polizei in Konflikt mit der Hefe der menschlichen Gesellschaft nicht allein schutzlos und auf sich angewiesen bleiben, sondern dass das Publikum sogar eine gewisse Freude zu entwickeln im Stande ist wenn der Beamte den Kürzeren zieht. Denselben Personen aber, die sich über solche Brutalitäten lustig machen können, soll er, wenn äußeres Ungemach an sie herein tritt, eine Ratgeber und Helfer sein.
Kinder durch Armbrustschießen verletzt (Nr. 89)
Schon oft hat gerade in unserer Stadt der Spiel der Kinder mit Armbrüsten, Pfeil und Bogen Unglücksfälle nach sich gezogen und namentlich können mehrfach Fälle konstatiert werden, wo das schönste Geschenk Gottes, das Augenlicht, das Opfer solcher Spielereien werden musste. Vor einiger Zeit hat sich in zwei Fällen ein solches Unglück wieder vollzogen. Der sechsjährige Knabe F. auf dem Neumarkte hat sich mit einer ihm als Spielzeug geschenkten Armbrust zwei andere Kinder durch Schießen in die Augen derart verletzt, dass das eine bereits des einen Auges verlustig geworden ist, während das andere ebenfalls in ärztlicher Behandlung befindliche Gefahr läuft, auch das Augenlicht zu verlieren. Die Eltern des kleinen Schützen aber haben am eigenen älteren Knaben bereits dasselbe Unglück zu beklagen gehabt, denn dieser verlor vor einigen Jahren ebenfalls ein Auge durch einen Schuss mit Pfeil und Bogen.
Arbeitsunfall (Nr. 89)
Durch das Abrutschen eines Riemen von einer Bolline in einer hiesigen Fabrik wurde in vergangener Woche ein Arbeiter derart durch einen Schlag über die Brust verletzt, dass er bewusstlos zu Boden stürzte, während ein anderer an der Schulter getroffen ebenfalls zu Boden geschleudert wurde.
Schlägerei in Venenien (Nr. 89)
Sonntag gegen Abend entstand in der Schenke zu Venenien , so genannte Knochenschenke, Streit, worüber einer der Streitenden durch einen Schlag mit einem scharfen Instrumente so erheblich am Kopfe verletzt wurde, dass ärztliche Hilfe requiriert werden musste.
Polizisten niedergeschlagen (Nr. 89)
Ein Bekannter Krakähler, nur mit Hose und Stiefeln bekleidet, wurde Montag früh 2:00 Uhr auf dem Neumarkt wieder Skandal machend betroffen und, da er nicht Ruhe hielt, arretiert. Nachdem derselbe die lose am Leibe befindlich gewesene Hose befestigt und eine Weste angezogen hatte, schlug er den ihm zu Arrest bringen wollenden Beamten ins Gesicht und entsprang unter Zurücklassung seines Rockes und Stockes.
Diebstahl auf der Rischmühlen-Kirmes(Nr. 90)
Die Gaunerindustrie der Großstädte, aus öffentlichen Lokalen Überzieher zu vertauschen bzw. entwenden, fand auch hier bei Gelegenheit der Rischmühlen-Kirmes Nachahmung. Der Dieb wurde in der Person eines Schuhmachergesellen, der den neuen Überzieher bereits auf einem Heuboden versteckt hatte, ermittelt.
Gefängnisbeschwerde (Nr. 90)
Die Prätentionen der obdachlos umherziehenden Personen werden immer größer. So beschwerte sich die weibliche böse Sieben einer vor wenigen Tagen als obdachlos in die Polizeigefängnisse aufgenommenen Familie darüber, dass sie keine Betten bekämen.
Reiter mit Steinen beworfen (Nr. 90)
Mtit Recht wird von den fahrendem und reizendem Publikum darüber Beschwerde geführt, dass die Kinder aus Übermut mit Steinen nach den Pferden werfen. Abgesehen von dem Unfug, den jeder ordnungsliebende Erwachsene mit Energie zu hintertreiben sich bemühen möchte, ist im Fall des Scheuwerdens der Pferde das etwa entstehende Unglück gar nicht zu bemessen. Die Exekutive ist bei ihren geringen Kräften leider nicht in der Lage, bei vorkommenden Fällen in stets zur Hand zu sein.
Armbrustschießen ( Nr. 92)
Die in den letzten Nachrichten gemachte Mitteilung, dass der Knabe F. durch Armbrustschießen andere Kinder ins Auge geschossen hat, ist dahin zu berichtigen, dass es nicht der Schießende gewesen ist, sondern durch einen unglücklichen Zufall die Verletzungen stattgefunden haben.
Wintereinbruch (Nr. 92)
Durch die Wucht des uns überraschten Schnees ist in den Anlagen nicht unerheblicher Schaden durch Holzbruch entstanden, namentlich sind viele Tannen umgebrochen. Der plötzlich eintretende Winter und namentlich die durch den großen Schneefall entstandene schlechte Kommunikation machte auf den letzten Markttag einen erheblichen Eindruck. Auf den nur spärlich besuchten Wochenmarkt wurde für das Stück Butter zehn Silbergroschen und für das Mandel Eier elf Silbergroschen gefordert.


Eisenbahn

Monatskarten für Schüler (Nr. 8)
die Verwaltung der Magdeburg-Leipziger-Eisenbahn hat jetzt Schulbesuchskarten eingeführt, welche vom 1. Februar ab zulässig sind. Hiernach können auf die Dauer eines Monats und länger Abonnementskarten für Kinder, welche die Schulen benachbarter Orte besuchen, gelöst werden. Der Abonnementspreis beträgt pro Schultag und Meile eineinhalb Silbergroschen in der zweiten Klasse und ein Silbergroschen in der dritten Wagenklasse und für jedes weitere zu einer und derselben Familie gehörendes Kind dreiviertel bzw. ein halber Silbergroschen, also die Hälfte des ersten Satzes. Die Schulbesuchskarten gelten für eine Hin-und Rückfahrt an jedem Schultage und wird hiernach der Preis berechnet. Sonn- Fest- und Feiertage bleiben von der Berechnung ausgeschlossen. Diese Einrichtung besteht bereits seit einer Reihe von Jahren auf der Berlin- Potsdam-Magdeburger-Eisenbahn mit großem Erfolg, namentlich zwischen Zehlendorf, Steglitz und Berlin.

Fahrplan für Eisenbahnfahrten ab Merseburg (Nr. 11)

Abgang von Merseburg in der Richtung nach Halle:
3:54 Uhr morgens Regionalschnellzug
8:03 Uhr vormittags vierte Klasse
12:22 Uhr mittags vierte Klasse
4:54 Uhr nachmittags T. Schnellzug
10:22 Uhr abends vierte Klasse

Abgang von Merseburg in Richtung Weißenfels:
5:58 Uhr morgens vierte Klasse
11:41 Uhr vormittags T. Schnellzug
2:18 Uhr nachmittags vierte Klasse
8:27 Uhr abends vierte Klasse
12:00 Uhr nachts Regionalschnellzug

Die um 8:03 Uhr morgens, um 12:55 Uhr mittags und um 10:22 Uhr abends nach Halle abgehenden Züge, ebenso die von Halle nach hier um 5:58 Uhr morgens, 2:18 Uhr nachmittags und 8:27 Uhr abends abgehenden Züge halten in Ammendorf an.

Berliner Nordbahn Berlin-Stralsund
Dier stürmische Andrang zu der kürzlich stattgefundenen Zeichnung auf die Stammprioritäten der Berliner Nordbahn hat wiederum gezeigt, wie wichtig das große Publikum ansichtsvolle und solide Unternehmungen zu würdigen weiß. Über das Resultat der Zeichnung erfahren wir, dass statt der zur Subskription aufgelegten 2 Millionen Taler die Summe von 18,2 Millionen Taler in 11.561 Parteien gezeichnet worden ist und sich unter den 11.561 einzelnen Zeichnern drei fünftel außerhalb der Börse stehende Kapitalisten befinden. Diese Stammtprioritäten werden hiernach zu einem erheblichen Teil in festen Besitz gelangen und dadurch den Händen bloßer Spekulanten, welche ihre Aktien unter Realisierung des Gewinns schnell wieder weggeben, entzogen sein. …
Erfahrungsgemäß haben Eisenbahnverbindungen überall, wo solche neu entstanden, auf schnelle Entwicklung von Industrie und Handel stets den erheblichsten Einfluss ausgeübt. In dem Distrikte der Berliner Nordbaden kommen die mehr als irgend sonst wo billigen Arbeitslöhne dem aufblühen des Fabrikwesens besonders zustatten. Mit der steigenden Ausbreitung der Industrie wird sich zugleich für die Bahn ein umfangreicher Kohleverkehr entwickeln müssen und es ist jedermann bekannt, wie günstig dieser Verkehr auf Bahnerträgnisse einwirkt.
Für den Personenverkehr ist es von Bedeutung, dass Tegel - ein Hauptausflugsziel der Berliner - von der Bahn berührt und dadurch dieser bisher nur nach mehrstündiger Fahrt erreichbare Ort in unmittelbarer Nähe der Reichshauptstadt gerückt wird. In der gleichfalls an der Bahn liegenden, von der Natur hervorragend begünstigten, mit prächtigen Waldungen und Seen umgebenden Großherzoglich M ecklenburgischen Residenz Neustrelitz wird den Bewohnern der Weltstadt ein neuer, herrlicher Ausflugsort und Sommeraufenthalt eröffnet, der sich hinsichtlich seiner Naturreize Potsdam würdig zur Seite stellen kann und gleich diesem täglich besonders in den Sommermonaten eine große Anzahl von Besuchern an sich ziehen wird.
Bei dem gegenwärtigen Kurs von 82 dürften somit die Nordbahn-Stamm-Prioritäten als eine sehr billige Kapitalsanlage zu betrachten sein.

Eisenbahnunglück auf dem Bahnhof Kötschau (Nr. 26)
Nachdem eine Zeit lang die Unglücksfälle auf der Thüringer Bahn nachgelassen, ereignete sich an 26. April auf dem Bahnhof Kötschau eine entsetzliche Katastrophe.
Der 5:41 Uhr abends von Gerstungen ankommende Lokal-Güterzug hielt am zweiten Strang, um den Mitteldeutschen Verbands-Güterzug 5:41 Uhr abends auf dem ersten Strang in entgegengesetzter Richtung durchfahren zu lassen. In dem Moment, als letzterer Zug die Eingangs- weiche passieren wollte, sprang ein Bahnarbeiter unbefugter Weise zur Weiche und stellte dieselbe falsch, so dass dieser Zug mit aller Vehemenz auf den im Bahnhof haltenden Zug, unter dem grellen Schall des Notsignals, losfuhr. Es erfolgte ein Krachen, wie es bei einem Zusammensturz unserer Erde nicht kolossaler gedacht werden kann und das Schrecklichste hatte sich erfüllt. Es stellte sich dem Auge ein Trümmerhaufen der krassesten Art dar. Die bis auf das Entstellendste  verstümmelte Leiche eines Maschinenführers wurde unter einer Maschine hervorgezogen. Derselbe war unter seiner Maschine an einer Reparatur beschäftigt gewesen. Die Leiche eines Bremsers, ebenfalls im schrecklichen Zustande, fand man auf dem Tender des Mitteldeutschen Verbandszuges. Ein Packmeister ist schwer verletzt und wurde sofort nach Leipzig geschafft. Außerdem sind mehrere leichte Blessuren vorgekommen, welche sich die Fahrbeamten beim Abspringen von Maschinen und Wagen zugezogen. Die leeren Wagen hatten sich haushoch aufeinander getürmt, dass sogar ein Wagen auf das Dach des Güterschuppens gestürzt war. Die Familie des im Güterschuppen wohnenden Weichensstellers war glücklicher Weise in dieser Wohnung nicht anwesend. Der Güterschuppen ist stark beschädigt, die Drahtleitung war zerstört. Der Hauptstrang wurde schnell von den Trümmern befreit, so dass die folgenden Züge keinen wesentlichen Aufenthalt erlitten.
Schon 24 h nach dieser schrecklichen Katastrophe waren sämtliche drei Stränge, denn mehr hat  Kötschau  trotz des starken Verkehrs nicht, wieder frei. Drei Lokomotiven und zwölf Güterwagen waren mehr oder weniger zertrümmert. Dieser Schaden wird von den Aktionären nicht empfunden werden, aber das Herzleid der Hinterbliebenen der V erunglückten, deren Gräber sich nun geschlossen haben, wird nicht aufgewogen. Den hohen Herren Beamten der thüringischen Bahn muss es zur Ehre nachgesagt werden, dass sie vom grünen Tisch bald auf der Unglücksstelle erschienen und werden die Lehre mit heim nehmen, dass das System der eingleisigen Bahn unhaltbar geworden und dass ferner durch Einstellung einer genügenden Anzahl Beamte mit einem Gehalte, welcher das Dasein ermöglicht, ähnliche Fälle vermieden werden können. Der oben erwähnte Arbeiter ist verhaftet.

Bessere Bahnverbindung von Leipzig nach Merseburg (Nr. 68)
Um zwischen Leipzig und Merseburg via Cotbetha eine bessere Abendverbindung herzustellen, wird vom 1. September ab versuchsweise und zwar vorläufig bis einschließlich zum 31. Oktober ein Personenzug im Anschluss an den 8:40 Uhr abends von Leipzig in Corbetha eintreffenden Personenzug nach folgendem Fahrplan von dieser Station abgelassen werden:  
aus Corbetha 8:55 Uhr abends
in Merseburg 9:05 Uhr abends
In diesem Zuge können Retourbillets jetzt benutzt werden, sowie auch Reisegepäck zu demselben  befördert wird.
Die Direktion der Thüringischen Eisenbahn Gesellschaft

Leipzig-Zeitzer-Bahn (Nr. 68)
Die Betriebseröffnung der Linie Leipzig-Zeitzer Bahn ist jetzt definitiv auf den 15. Juni 1873 in Aussicht genommen. Bis auf die letzte halbe Meile vor Zeitz ist der Bahnkörper vollständig fertig gestellt, auch die Hochbauten sind nahezu vollendet. Im kommenden Monat soll mit der Gleisverlegung begonnen werden. Der Betrieb verspricht mit Rücksicht auf die günstigeren  Terrainverhältnisse ein bequemer und billiger zu werden.