Errichtung der Versorgungs- und Arbeitsanstalt in Merseburg

 

Der Philantroph Ludwig Gerhard Wagemann war bis zu seinem Tode im Jahr 1804 Herausgeber der Zeitschrift Göttingisches Magazin für Industrie und Armenpflege. Über sein Lebenswerk ist bisher wenig bekannt. Als Menschenfreund versuchte die zu seiner Zeit in großem Maße anzutreffende Armut durch die Förderung von Industrieschulen zu lindern.  Die Kinder aus der Unterschicht wurden in den in Böhmen erstmals im Jahre 1779 gegründeten Industrieschulen zur Arbeit erzogen und ausgebildet, damit sie später für das Erwerbsleben in der sich entfaltenden Industriegesellschaft gerüstet waren. Die Jungen lernten Spinnen, Gartenbau oder Baumpflege, die Mädchen Stricken, Nähen, Häkeln oder Flicken und Kochen. Zur Förderung und Verbreitung derartiger Maßnahmen veröffentlichte Wagemann das Magazin für Industrie und Armenpflege. In diesem Magazin erschien in der Ausgabe von 1791 ein Bericht über die Errichtung der Versorgungs- und Arbeitsanstalt in Merseburg.

 

Der nachfolgende Text beinhaltet eine sprachlich zeitgemäße Wiedergabe des Zeitungsartikels. Die aufgeführten Sachverhalte, Ansichten und Meinungen wurden vom Verfasser übernommen. Ob und welchem Umfang sie tatsächlich zutreffend sind ist fraglich und sicher ist einiges idealisiert wiedergegeben. Insgesamt gibt der Artikel ein intersantes Sitten- und Geschichtsbild gegen Ende des 18. Jahrhunderts in Merseburg wieder.

 

Die Gründung der Versorgungs- und Armenanstalt Merseburg erfolgte bereits im Jahr 1775. Bis dahin bevölkerte eine Vielzahl von einheimischen und fremden Bettlern das Stift Merseburg. Diese setzten sich aus der von Armut geprägten Unterschicht zusammen, umherziehenden Handwerkern, Handwerksgesellen, Gesinde, Tagelöhnern, gemeinem Militär, Invaliden, Prostituierten, Vagabunden und berufsmäßigen Bettlern. Mangelnde oder nicht umgesetzte Gesetzesvorschriften zur Eindämmung des Bettelwesens führten dazu, dass die Stadt- und Landbevölkerung die umherziehenden Armen durch Almosen mit ernährte. Insgesamt waren die hier von der Bevölkerung aufgebrachten Mildtätigkeiten nicht unerheblich und sorgten für Unzufriedenheit und entsprechende Ansinnen an die Obrigkeit, das Bettelwesen einzudämmen. Des Weiteren waren die vielen mittellosen Fremden für eine ansteigende Zahl von Diebstählen verantwortlich und für gelegentliches Feuerlegen, aus Unachtsamkeit oder als Racheakt für empfundene schlechte Behandlung durch die Einheimischen. Um positive Veränderungen herbeizuführen war vorgesehen, die fremden Bettler aus dem Stift zu entfernen und die einheimischen Armen gezielt mit dem Mindesten zu versorgen. Das System der dörflichen Armenkassen sollte wieder genutzt werden. Freiwillige und festgesetzte Steuern sollten die Kassen füllen um die tageweise Versorgung oder längere Versorgung während der Winterzeit sicherzustellen. Wer daneben weiter bettelte sollte dem nächsten Amt zur Verurteilung vorgeführt werden. Die Dörfer und Städte beschäftigten Wachen oder Straßenvogte, welche die ankommenden Bettler gleich bei Betreten der Ortschaft dem Almoseneinnehmer vorführten, so dass das Betteln von Haus zu Haus und Erspähen offener Scheunen unterblieb. Nach dem Erhalt eines Almosens mussten sie das Gemeinwesen verlassen. Diese von der Stiftsregierung angeordneten Maßnahmen waren anfangs erfolgreich, wurden allmählich vernachlässigt und die von früher bekannten nachteiligen Begleitumstände des Bettelunwesens breiteten sich wieder aus. Die Stiftsregierung verschärfte darauf hin die Vorschriften gegenüber den fahrlässig handelnden Gemeinden, Wächtern und Gassenvogten. Gemeinden erhielten zur Auflage für jeden bettelnden Einheimischen oder Fremden, der nicht an diesem Tun gehindert wurdem, 8 Silbergroschen in die eigene Armenkasse zu zahlen. Wächtern und Straßenvogten drohten höhere Strafen. Durch Anschlag wurden wandernde Handwerksburschen auf mögliche Gefängnisstrafen hingewiesen, wenn man ihrer beim Betten habhaft wird. Sofern sie bei einem Handwerksmeister untergekommen sind und trotzdem betteln, muss der Handwerksmeister 3 Silbergroschen an die lokale Armenkasse zahlen.

 

Große Schwierigkeiten bereitete es, die einheimischen Armen zu versorgen, da es hier an den finanziellen Grundlagen fehlte, einem festen Fond aus dem die Mittel bestritten werden konnte. Die jeweiligen schwankenden freiwilligen Spenden bildeten keine solide Grundlage. Es gab daher weder ein Zuchthaus für mutwillige Müßiggänger noch ein Kranken- und Verpflegungshaus für Arme und Gebrechliche. Es existierte zwar eine Generalalmosenkasse mit einer Einlage von 600 Talern, die im Wesentlichen Dienerwitwen und Waisen versorgte sowie zur Finanzierung von Schulgeld für mittellose Kinder genutzt wurde. Trotz der ungewissen Finanzierung begann man mit vorbereitenden Maßnahmen.

In Zusammenhang mit der Errichtung des Arbeitshauses in Merseburg hat man seinerzeit eine Erhebung zur Ermittlung der Anzahl der Bedürftigen durchgeführt. Je ein Mitglied der Stiftsregierung und des Arbeitshauses sowie ein Geistlicher, der die Betroffenen seines Pfarrbezirkes am besten kannte, sind von Haus zu Haus gezogen und haben sich nach den jeweiligen Bewohnern, nach Alter, Gewerbe und Gebrechlichkeit erkundigt und folgendermaßen in Tabellen kategorisiert:

- Personen, die ohne Rücksicht auf Arbeit und Gebrechen versorgt werden müssen

- Personen, die etwas verdienen können aber in Ansehung ihres Alters oder

   besonderer Umstände der Unterstützung bedürfen

- Personen, gesund und rüstig, denen es an Gelegenheit oder gutem Willen zum

   Verdienst fehlt, auf Almosen keinen Anspruch machen, aber mit Arbeit und

   Naturalien versorg werden müssen

Der Bau eines neuen Arbeitshauses wurde nicht in betracht gezogen, da die Gesamtkosten und die zu tilgende Schuldenlast ein zu erheblicher Kostenfaktor waren. Statt dessen wurden in der Stadt und in den Vorstädten Versammlungsstuben angemietet und eingerichtet. Arbeitsfähige hatten hier bei Tageslicht die Möglichkeit einer Arbeit nachzugehen. Wolle, Baumwolle, Flachs, Federn und dergleichen wurden angeschafft und als Arbeitsmittel zur Verfügung gestellt. Wenn die häuslichen Verhältnisse es zuließen konnte die Arbeit auch zu Hause verrichtet werden. Für diese Arbeiten erhielten sie einen geringen Lohn, Almosen oder Zuschüsse. Die Stadt- und Landärzte wurden verpflichtet in den Arbeitshäusern Sprechstunden abzuhalten als auch Bedürftige zu behandeln, denen ein Amtsschreiben zur Arztbehandlung ausgestellt wurde, wobei die Arztkosten und Medikamente von der Armenkasse übernommen wurden.

Aus früheren Zeiten war die Sitte noch geläufig, dass die Bewohner an bestimmten Tagen von den Haustüren Almosen verteilten, was jedoch bereits im Jahr 1772 durch die Obrigkeit untersagt wurde, jedoch weiterhin gehandhabt wurde. Die Einhaltung dieses Verbots wurde nun verschärft überprüft und die Almosengeber auf die errichtete neue Arbeitsanstalt hingewiesen. Einmal wöchentlich an einem Freitag haben der Bürgermeister, die Anstaltsleitung, die Aufseher, öffentlichen Spendensammler und Beamte der Stiftsregierung die anstehenden Probleme beratschlagt und die ordentliche Verwendung der Gelder überprüft. Letztlich wurde jährlich ein Rechenschaftsbericht erstellt, der die Öffentlicheit hinsichtlich der Einnahmen und Ausgaben unterrichtete. Die Merseburger Einrichtung ist seit dem 1. Januar 1784 in diesem Sinne tätig und betreut wöchentlich mehr als 250 Bedürftige. Mit diesen Maßnahmen kam die als störend empfundene Bettelei bis auf wenige Ausnahmen praktisch nicht mehr vor. Die grundsätzlichen Einlagen der Fonds reichten bei weitem nicht aus, die entstandenen Kosten zu decken. Für den Armenfond wurden in Merseburg jährlich etwa 600 Taler bereit gestellt, aus dem Lande 300 Taler. Bei Hochzeiten, Kindtaufen und Meisterwerden mussten Gebühren an die Armenkasse entrichtet werde, die jährlich 150 Taler betrugen. Die unzureichende Kostendeckung Führte zu folgenden Maßnahmen:

  • Mahnung an die Einwohner, die Einrichtungen durch Spenden zu unterstützen

  • Beachtung einer Gesetzesregelung von 1774, die Offiziere der Garnison zur Armenunterstützung verpflichtet, wodurch zusätzliche 60 Taler eingenommen wurden

  • Beachtung einer Gesetzesregelung aus dem Jahr 1772, wonach bei Kauf- und Tauschgeschäften oder bei Stiftsangelegenheiten mit Vorteilsnahme oder Konfessionserteilungen eine Almosengebühr zu entrichten sei, die insgesamt jährlich etwa 350 bis 400 Taler einbrachte

  • Gebühren von Schauspieler- und Theaterleute, die etwa 50 Taler betrugen

Somit summierten sich auf der Einnahmenseite 1650 Taler für die Armenkasse, jedoch nicht kostendeckend, da die Ausgaben sich auf 1950 Taler beliefe. Ihro churfürstliche Durchlaucht hat mit einem allergnädigst bewilligten Zuschuss von 300 Talern die Sache dann gut gemacht und das Institut am Leben gehalten. Hurra, Hurra, Hurra, hoch lebe seine Majestät, hoch, hoch, hoch. Ein Rechenschaftsbericht aus dem Jahr 1788 weist folgende Zahlen aus:

  • Stadt Merseburg Einnahmen...1297 Taler

  • Stadt Merseburg Ausgaben......1177 Taler

  • Vorstädte Merseburg Einnahmen...2273 Taler

  • Vorstädte Merseburg Augaben........2244 Taler

158 Pseronen wurden mit Almosen und Zuschüssen versorgt. Das Arbeitshaus in Merseburg beschäftigte 23 und die der Vorstädte 65 Bedürftige. Der Bericht zur Situation der Arbeitsanstalt wurde von den Herren von Langenn, von Below, von Gutschmidt, von Schindler erstellt.

 

Der nachfolgende Text beinhaltet eine sprachlich zeitgemäße Wiedergabe des Zeitungsartikels. Die aufgeführten Sachverhalte, Ansichten und Meinungen wurden vom Verfasser übernommen. Ob und welchem Umfang sie tatsächlich zutreffend sind ist fraglich und sicher ist einiges idealisiert wiedergegeben. Insgesamt gibt der Artikel ein intersantes Sitten- und Geschichtsbild gegen Ende des 18. Jahrhunderts in Merseburg wieder. 

Versorgungs- und Arbeitsanstalt Merseburg